Moderne Hyperschallwaffen gelten als große Herausforderung für die klassische Luftverteidigung, da sie bei Geschwindigkeiten von mehr als Mach 5 weiter manövrierbar bleiben. Sie sind damit in der Lage, bodengebundene Abwehrsysteme in sicherem Abstand zu über- oder zu umfliegen. Zu den Ländern, die Hyperschallwaffen besitzen, gehört auch Russland, das mit der Zirkon und der Awangard über mehrere unterschiedliche Vertreter dieser Waffengattung verfügt.
In Europa wird aufgrund der Bedrohung gleich in zwei Projekten des European Defence Fund (EDF) an der Entwicklung von neuen Hyperschall-Abfangflugkörpern gearbeitet. Diese können allerdings nur dann erfolgreich eingesetzt werden, wenn eine leistungsfähige Sensorkette zur Detektion und Verfolgung aufgebaut wird. Dabei ist es auch erforderlich, den Start der Trägerraketen von Hyperschall-Gleitern östlich des Urals aufklären.
Wie Professor Daniel O’Hagan vom Fraunhofer-Institut FHR gestern bei der DWT-Konferenz „Angewandte Forschung für Verteidigung und Sicherheit in Deutschland“ in Bonn sagte, werden für die drei Flugphasen einer Hyperschallwaffe – Boost, Intermediate und Terminal – zum Teil unterschiedlich Sensoren benötigt. Insbesondere in der Boost- und Intermediate-Phase könnten seiner Aussage zufolge sogeannnte Over-the-Horizon-Radare (OTHR) einen wichtigen Beitrag zur Frühwarnung leisten. Diese Radare weisen mitunter eine Reichweite von über Tausend Kilometern auf, indem die von ihnen ausgesendeten HF-Funkwellen von der Ionosphäre zurückgeworfen werden. Eine direkte Sichtverbindung zum Zielobjekt ist damit nicht erforderlich.
Dem Fraunhofer-Wissenschaftler zufolge wurde bereits im Rahmen des im Dezember beendeten EDF-Vorhabens iFURTHER an der Nutzung von OTHR geforscht, wobei seiner Einschätzung nach für den Einsatz in Europa ein Netzwerk derartiger Radare sinnvoll wäre. Wie O’Hagan sagte, ist zur Abwehr von Hyperschallbedrohungen grundsätzlich ein breiter Sensormix von unterschiedlichen Technologien erforderlich. „Es gibt keine Silberkugel“, betonte er. Zu einem solchen Mix gehören seinen Worten zufolge neben klassischen Radaren, OTHR, Satelliten und auch lange bekannte Technologien wie VHF/UHF-Radare.
In der Boost-Phase gelten unter anderem Satelliten zur Infratrotaufklärung, die den heißen Abgasstrahl detektieren, als wichtiges Instrument. Dem Vernehmen nach soll denn auch in den kommenden Monaten eine so genannte 25-Millionen-Euro-Vorlage zur Beschaffung derartiger IR-Satelliten zur „Satellite Based Missile Detection“ dem Bundestag vorgelegt werden. Beobachter gehen davon aus, dass es sich um geostationäre Satelliten handelt, bei denen womöglich Airbus und OHB zusammenarbeiten.
Wie auf der gestrigen DWT-Veranstaltung deutlich wurde, wird im BMVg auch die Beschaffung von weiteren Aufklärungessatelliten für den gleichen Zweck im Low Earth Orbit sowie der OTHR-Technologie diskutiert. Während in Frankreich ONERA ein Over-the-Horizon-Radar hergesetellt hat, gilt in Deutschland Hensoldt als der nationale Champion für Radartechnologie. Ein OTHR bietet auch in der antriebslosen Flugphase eines Hyperschall-Gleiters Vorteile, wenn keinen heißen Abgase anfallen. Mit einem derartigen Sensor könnten auch Feuerleitradare wie das zu Arrow 3 gehörende Green Pine im L-Band voreingewiesen werden, um wichtige Zeit für die Bekämpfiung zu gewinnen. Ebenso könnten auch die Satelliten für die Früheinweisung genutzt werden.
Zur Abwehr von Hyperschallwaffen müsste die Bundeswehr im Augenblick noch in erster Linie auf die Flugkörper des Patriot-Systems zurückgreifen. In Zukunft will Europa jedoch über einen eigenen speziellen Abfangflugkörper verfügen, an dem im Rahmen der beiden EDF-Projekte HYDIS und HYDEF gearbeitet wird. Offenbar gehen im Augenblick beide Konzepte von der Nutzung eines gepulsten Raketenmotors aus, um mehr Flexibilität im Flug zur Verfügung zu haben. Im Gegensatz zu früheren Modellen wies der in Bonn in einer Grafik dargestellte HYDEF-Flugkörper, bei dem Diehl technisch im Lead ist, einige interessante Veränderungen auf. So wirkte die Form gedrungener, was auf einen größeren Durchmesser und damit mehr Treibstoff hindeutet. Überdis waren unterhalb der Raketenspitze zusätzliche Finnen zu erkennen. Wie es mit HYDEF und HYDIS nach Abschluss der EDF-Programme weitergeht, scheint im Augenblick noch nicht festzustehen. Eine Option könnte die Zusammenlegung in einem einzigen EDF-Folgevorhaben zu sein.
Auch wenn zahlreiche Bestandteile der Sensor- und Wirkkette zur Hyperschallabwehr noch nicht fertiggestellt sind, kann die Integration dennoch bereits theoretisch nachgebildet werden, wie auf der DWT-Tagung deutlich wird. So wurden beispielsweise die OTHR-Technologie, endoatmosphäre Interceptoren oder zukünftige LEO-Aufklärungssatelliten bereits in die Simulationsumgebung mit der Bezeichnung „Nationales TestBed Territoriale Flugkörperawehr“ integriert, die von der IABG betreut wird.
Lars Hoffmann














