Ein kürzlich veröffentlichtes Paper des britischen „Royal United Services Institute for Defence and Security Studies“ (RUSI) kommt zu dem Schluss, dass die russische Luftwaffe aktuell eine höhere Bedrohung für die NATO darstellen dürfte, als sie es vor der Vollinvasion in die Ukraine im Jahre 2022 getan hat.
In dem mit „The Evolution of Russian and Chinese Air Power Threats“ überschriebenen Fachaufsatz schreibt der Autor Justin Bronk, ein ausgewiesener Kenner der Luftkriegsführung, dass Russlands Luftwaffe trotz der in der Ukraine erlittenen Verluste aktuell in allen relevanten Bereichen der Luftkriegsführung sowohl qualitativ als auch quantitativ besser aufgestellt sei, als dies Anfang 2022 der Fall war.
Als Beleg für seine These führt Bronk sechs Gründe auf, die auf eine höhere Leistungsfähigkeit des Personals, Materials sowie der Prozesse in den Bereichen Luftkampf, Luftverteidigung, Abstandsfähigkeit sowie der Befähigung zum Wirken in der Tiefe hindeuten. Im Einzelnen zählt Bronk folgende Aspekte auf:
- Obwohl Russland in den vergangenen Jahren rund 130 Kampfflugzeuge in der Ukraine bzw. durch ukrainische Angriffe auf Frontfliegerstützpunkte verloren habe, seien im selben Zeitraum etwa 160 neue Systeme – zumeist in einer moderneren Variante – durch die russische Rüstungsindustrie an Russlands Luftstreitkräfte ausgeliefert worden. Selbst die in der Ukrainekrieg gebeutelte Kampfbomberflotte des Typs Su-34 steht Bronks Recherchen zufolge heute besser dar. Waren es Anfang 2022 noch 115 Systeme, besteht die Flotte heute aus etwa 125 Kampfbombern, obwohl in den rund vier Kriegsjahren knapp 40 Flugzeuge abgeschossen oder am Boden zerstört wurden.
- Aus dem Aufsatz geht zudem hervor, dass auch das russische Pilotenkorps heute erheblich gestärkt ist. Vorbei sind demnach die Tage mit unzureichenden Flugstunden und fehlender Kampfexpertise. Russische Piloten haben Bronk zufolge in den letzten vier Jahren gelernt, wie sie im Angesicht der ukrainischen Luftverteidigung operieren müssen, um keine einfache Beute für die Flugabwehr zu werden. Generell geht Bronk davon aus, dass Russland weniger Piloten als Maschinen verloren hat, da viele abgeschossene Piloten im Zuge des Gefangenenaustauschs zurückgekehrt oder über russischem Boden ausgestiegen sind. Zu berücksichtigen seien auch am Boden zerstörte Flugzeuge, deren Besatzungen unbehelligt geblieben sind.
- Als dritten Grund führt Bronk die Verbesserung der Abstandsfähigkeit im Luft-Luft- sowie im Luft-Boden-Kampf auf. So setzen die russischen Kampfflugzeuge heute zunehmend auf den Langstrecken-Luft-Luft-Flugkörper des Typs R-37M (NATO-Codename: RS-AA-13), während noch vor wenigen Jahren zumeist eine Mittelstreckenbewaffnung eingesetzt wurde. Darüber hinaus führt die Nutzung von UPMK- und UPMB-Gleitbomben durch Su-34-Kampfbomber dazu, dass Bodenziele nunmehr aus einer Entfernung von mindestens 60 bis hin zu 130 km präzise bekämpft werden können.
- Auch die bodengestützte Luftverteidigung sieht Bronk trotz nachweislicher Verluste als gestärkt an. Kampferfahrung der Besatzungen sowie Softwareanpassungen der Sensorik führen dem Paper zufolge dazu, dass Flugzeuge und Flugkörper heute effektiver bekämpft werden, als dies vor vier Jahren der Fall war.
- Weiterhin wurde im Kriegsverlauf eine signifikante Verbesserung der Koordinierung und Vernetzung russischer Luftverteidigungsfähigkeit erzielt, so dass heute unterschiedliche Mittel für die Zielaufklärung und Zielbekämpfung effektiv zusammenarbeiten können. Die Gründe dafür liegen sowohl in der Anpassung von Verfahren als auch der Technik.
- Schlussendlich habe die russische Luftwaffe die Angriffe auf die Ukraine dazu genutzt, um die eigenen Deep-Strike-Fähigkeiten massiv zu verbessern, so dass diese heute in der Lage sei, koordiniert mehrere hundert Systeme unterschiedlichen Typs – Langstrecken-Einwegdrohnen, boden- und luftgestützte Marschflugkörper und Raketen – gleichzeitig zum Einsatz zu bringen.
Eine deutliche tiefere Begründung des russischen Expertisegewinns in der Luftkriegsführung sowie die Entwicklung der chinesischen Luftstreitkräfte bietet der vollständige Beitrag, der am 8. Januar 2026 auf der RUSI-Webseite in englischer Sprache offen publiziert wurde: The Evolution of Russian and Chinese Air Power Threats
Waldemar Geiger














