Das Thema Nutzung des Weltraums ist in den vergangenen Monaten für die Bundeswehr auf der Prioritätenliste deutlich nach oben gerückt. Zunächst kündigte Verteidigungsminister Boris Pistorius im September Investitionen in Höhe von 35 Milliarden Euro in die Weltraumsicherheit bis 2030 an, danach verabschiedete das Bundeskabinett Mitte November die erste deutsche Weltraumsicherheitsstrategie, mit weitreichenden Auswirkungen auf die Streitkräfte. In der vergangenen Woche hat Deutschland dann bei der Tagung der für die European Space Agency (ESA) zuständigen Ministerinnen und Minister die Finanzierung von 5,4 Milliarden Euro des Gesamtbudgets von insgesamt 22,1 Milliarden Euro zugesagt. Damit sollen die ESA-Raumfahrtprogramme der kommenden drei Jahre ausgestattet werden. Ein Novum dabei: Das BMVg beteiligt sich mit einem eigenen Beitrag an der ESA-Finanzierung, wie Alexander Schott, Direktor Forschung und Innovation GB im BMVg, gestern beim Netzwerkforum Militärische Raumfahrt von Bayern Innovativ in München sagte.
Wie das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt DLR in einer Mitteilung schreibt, ist Deutschland mit rund 23 Prozent der Gesamtzeichnungssumme von rund 22 Milliarden Euro der stärkste Partner der ESA vor Frankreich und Italien mit jeweils rund 16 Prozent. Das Bundesministerium der Verteidigung beteiligt sich demnach mit rund 292 Millionen Euro an der ESA-Ministerratskonferenz. Es unterstütze vor allem den Bereich der Trägerraketen für den Ausbau zukünftiger Startmöglichkeiten sowie den Bereich Weltraumsicherheit, so das DLR. Die Ministerratskonferenz ist das höchste politische Entscheidungsgremium, das im Schnitt alle drei Jahre den inhaltlichen und finanziellen Rahmen für die Raumfahrtprogramme der ESA festlegt.
Nach Aussage von Schott werden von den 35 Milliarden Euro, die von seinem Ministerium für Weltraumprojkete bereitgestellt werden, auch in einem erheblichen Umfang Innovations- und Forschungsprojekte profitieren. Das dürfte auch dem Forschungsstandort Deutschland zugutekommen.
Bemerkenswert an der vorletzte Woche beschlossenen Weltraumsicherheitsstrategie ist, dass die Bundesregegierung das All nicht nur als neutralen Operationsraum, sondern auch als möglichen Kriegsschauplatz betrachet und entsprechende Maßnahmen ergreifen will. Damit verschließt Deutschland nicht mehr die Augen davor, dass sich insbsondere die drei großen Weltraummächte USA, China und Russland auf den Angriff gegnerischer Space Assets vorbereiten und aufrüsten.
An einer Stelle der neuen Strategie heißt es: „Eine Abschreckung gegenüber potenziellen Gegnern funktioniert auch in der Dimension Weltraum nur durch das Vorhandensein von Fähigkeiten und dem Willen, diese einzusetzen, sowie die entsprechende Kommunikation dieses Willens. Gleichzeitig bekennt sich die Bundesregierung dazu, als verantwortungsvoller und Transparenz wahrender Weltraumakteur aufzutreten.“ Daraus könnte abgeleitet werden, dass die Bundesrepublik nicht nur eigene Verteidigungsfähigkeiten aufbauen will, sondern auch bereit ist, diese einzusetzen. Das deckt sich auch mit den Aussagen von Verteidigungsminister Boris Pistorius auf dem Weltraumkongress des BDI vor einigen Wochen.
Wie auf der gestrigen Veranstaltung deutlich wurde, hat die Regierung bereits erste Maßnahmen eingeleitet, um ihre Fähigkeiten zum Schutz der eigenen Weltrauminfrastrutur und der von Partnern zu gewährleisten sowie gegebenenfalls einen Gegner auch durch offensive Operationen abzuschrecken. So plant die Bundeswehr, einen „Inspektor-Satelliten“ zu entwickeln, wie Schott ausführte.
Dabei handelt es sich offenkundig um das vom DLR mindestes seit Sommer vorangetriebene Vorhaben „Schild“, in dessen Rahmen kurzfristig ein Satellit beschafft werden soll, der sich anderen Satelliten im All annähern und diese inspizieren kann – was immer diese Inspektion umfassen mag. Dieser Inspektionssatellit soll von einem deutschen Launcher in die Umflaufbahn verbracht werden können und von der Bundeswehr geführt werden.
Parallel dazu untersucht das DLR die kurzfristige Beschaffung eines zweiten Satelliten im Rahmen des „Schwert“-Ansatzes. Dieser Trabant soll sich ebenfalls gegnerischen Satelliten annähern und diese durch elektromagnetische Störungen bei der Zielerfassung oder Aufklärung ausschalten – also ein echter offensiver Satellit. Beobachter gehen davon aus, dass es sich bei Schwert und Schild eher um Satelliten in einem erdnahen Orbit handeln dürfte.
Dies scheint jedoch nur der Anfang zu sein. Darüber hinaus ist im Rahmen von GISMO (German Inspector Satellite for Multiple Operations) offenbar ein noch umfassenderer Ansatz mit weiteren Satelliten, auch für den offensiven Einsatz, vorgesehen. Weitere Details dazu wurden bislang jedoch nicht veröffentlicht. In der Weltraumsicherheitsstrategie wird in diesem Kontext die „Entwicklung und Nutzung von hochagilen, signalarmen Wächtersatelliten sowie Raumgleitern/Raumflugzeugen zur Inspektion von und Wirkung gegen gegnerische Systeme“ gefordert.
Nach Aussage von Dr. Antje Nötzold, Senior Researcher, Forschungsgruppe Support for Arms Control in Space (SACS) der Universität der Bundeswehr München, stellt die Bundesrepublik in den kommenden fünf Jahren neben den 35 Milliarden Euro des BMVg und über 5 Milliarden Euro für die ESA weitere Milliardenbeträge aus anderen Ressorts für Raumfahrt und Weltraumsicherheit bereit, so dass sich die Mittel nach ihrer Kalkulation auf etwa 45 Milliarden Euro summieren. „Das ist ungefähr zehnmal soviel wie grad die Franzosen angekündigt haben“, so Nötzold. Geld sei also vorhanden, um die eigenen Aufklärungsfähigkeiten und Verteidigung im Weltraum zu verbessern. Dazu seien jedoch auch Innovationen erforderlich, betonte die Wissenschaftlerin.
Bei den bevorstehenden Projekten der Bundeswehr geht sie unter anderem von der Beschaffung von rund 100 LEO-Satelliten für SATcom Stufe 4, die Umsetzung der Radaraufklärung aus dem All im Rahmen des Vorhabens Spock – hier scheint Rheinmetall mit Iceye als Partner gesetzt zus sein – sowie ein „Satellite based Missile Detection & Sensorverbund Missile Defence“ aus.
In diesem Zusammenhang wird in der Weltraumsicherheitsstrategie die „Entwicklung und Beschaffung Weltraumgestützter Frühwarnung, Aufklärung, Überwachung, Verfolgung in allen Geschwindigkeits- und Höhenbändern, einschließlich von Raketen, Satelliten, HAPS und hypersonischen Flugsystemen“ gefordert.
Um dies schnell bis zum kritischen Jahr 2029 mit einer Anfangsbefähigung sicherzustellen, gehen Beobachter davon aus, dass sich die Forderung am einfachsten durch die Beschaffung von zwei Satelliten für die Infrarotaufklärung mit leistungsfähiger Technik im geostationären Bereich realisieren ließe, während für eine adäquate Abdeckung im MEO-Bereich womöglich Dutzende und im LEO-Bereich vielleicht sogar Hunderte Kleinsatelliten erforderlich wären. Sollte die geostationäre Variante gewählt werden, scheint Airbus Defence and Space gegenwärtig vergleichsweise gut aufgestellt zu sein.
Darüber hinaus strebt die Bundeswehr auch die Entwicklung der Fähigkeit zur weltraumgestützten signalerfassenden Aufklärung an. Beobachter gehen davon aus, dass sich der Technologiekonzern Rohde & Schwarz für dieses Vorhaben in Position bringt. So teilte das Münchener Unternehmen kürzlich mit, dass es sich an der Orbint GmbH, einem Spin-off der Universität der Bundeswehr München, beteiligt. Als strategische Partner wollen die beiden Unternehmen ihre Kompetenz im Bereich satellitengestützte, signalerfassende Aufklärung bündeln und damit die technologische Souveränität und Sicherheit Deutschlands und Europas im Weltraum nachhaltig stärken, hieß es seinerzeit in einer Mitteilung. Orbint ist aus der von der dtec.bw geförderten Kleinsatellitenmission SeRANIS hervorgegangen und hat dort Erfahrungen in der Entwicklung von Satelliten gesammelt, die mit Nutzlasten zur Signalaufklärung ausgestattet werden können. Dem Vernehmen nach lässt sich die Signalaufklärung gemäß den bisherigen Konzepten am besten in Dreierkonstellationen von Satelliten realisieren.
Lars Hoffmann
















