Erkenntnis aus dem Ukraine-Krieg – Notwendigkeit der Verzahnung von Hersteller und Nutzer

Waldemar Geiger

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Das Internet ist voll von Berichten über den Ukraine-Krieg, die die Erkenntnisse der dortigen Kriegsführung analysieren und Ableitungen für die Organisation oder Ausstattung der Streitkräfte der NATO treffen. Zumeist fokussieren sich die Berichte auf Aspekte der Gefechtsführung, die für die jeweiligen Autoren besonders relevant erscheinen bzw. ihre eigene Agenda unterstützen. Tatsächliche „Lessons Identified”, die nicht nur auf die spezifische Kriegsführung zweier postsowjetischer Armeen gegeneinander anwendbar sind, sondern einen universellen Charakter haben, sind hingegen sehr selten zu finden.

Der Grundgedanke von „Lessons Learned“ (verinnerlichte Erkenntnisse) ist es, mittels eines systematischen Prozesses Erkenntnisse aus vergangenen Handlungen zu sammeln, zu dokumentieren und diese in zukünftiges Handeln zu implementieren, um die zukünftige Leistung zu verbessern. Man muss also zwischen „Lessons Identified” (gewonnene Erkenntnisse) und „Lessons Learned“ unterscheiden. Der Lessons-Learned-Prozess im militärischen Kontext ist besonders herausfordernd, weil ein Großteil der Erkenntnisse in der Kriegsführung eingestuft ist und/oder einen sehr speziellen Charakter hat und nicht eins zu eins auf andere Akteure transferierbar ist. Bekanntlich unterscheidet sich der Gefechtswert von Waffensystemen und Verbänden je nach der jeweiligen Gefechtssituation (Art, Stärke und Verhalten des Feindes sowie Umweltbedingungen und Auftrag). Um es plakativ zu machen: Wenn beispielsweise zwei arktische Mächte im hohen Norden gegeneinander Krieg führen, ist es herausfordernd, Erkenntnisse aus dieser Kriegsführung herauszudestillieren, die für eine potenzielle zukünftige Kriegsführung zweier Wüstennationen von Bedeutung ist.

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Die Geheimhaltung, der viele Aspekte der Kriegsführung unterliegen, erschwert den Erkenntnisgewinn zusätzlich, da für eine fundierte Analyse relevante Daten unter Umständen nicht in die Analyse einfließen können und die aus der Analyse getroffenen Ableitungen dadurch in die Irre laufen können.

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Konkrete Rückschlüsse, ob Waffensystem A oder Taktik B, die sich im November 2025 in den russischen oder ukrainischen Streitkräften an einem bestimmten Frontabschnitt bewährt haben, auch in der Bundeswehr mit gleichem Erfolg eingesetzt werden könnten, lassen sich also anhand von rein öffentlich zugänglichen Informationen nicht ohne weiteres treffsicher aufstellen. Gleichwohl sind bestimmte „Meta“-Erkenntnisse auch anhand frei verfügbarer Daten gewinnbar, die zudem einen universellen Charakter haben. Eine solche Erkenntnis betrifft den erfolgreichen Umgang mit den kurzen Technologieentwicklungszyklen.

Erkenntnisgewinn

Die nunmehr dreieinhalb Jahre Krieg in der Ukraine führen der Welt deutlich vor Augen, dass die großflächige Implementierung neuer Technologien und Waffensysteme das Entwicklungstempo der Kriegsführung merklich beschleunigt hat. Wo Iterationsprozesse von Waffensystemen früher in Jahren gemessen wurden, müssen sie heute in wenigen Monaten und Wochen modifiziert werden, um weiterhin einsatzfähig zu bleiben.

Man kann also mit Fug und Recht behaupten, dass der Umgang mit der schnellen Technologieentwicklung nunmehr selbst zu einem entscheidenden Faktor der Kriegsführung geworden ist. Jeglicher zukünftige Krieg zwischen großen Mächten, der länger als zwei bis drei Monate dauert, wird die Kriegsparteien vor die Herausforderung stellen, dass die Gegenseite durch eine potenziell schnellere Weiterentwicklung der eigenen Waffensysteme und Einbringung neuer Technologien die Machtbalance zu eigenen Gunsten verschieben könnte. Die Wahrscheinlichkeit ist sogar recht groß, dass diese Veränderung der Machtbalance bereits im Vorfeld eines Kriegsausbruches hergestellt werden könnte.

Man stelle sich beispielsweise eine Zukunft vor, in dem es einem möglichen Gegner gelingt, breitflächig Systeme zu entwickeln, die vollkommen autonom agieren können und dabei selbst die Leistungsfähigkeit gut ausgebildeter und erfahrener Soldaten übertreffen. Mal angenommen, ein solcher Gegner bringt auch noch die Fähigkeit mit, solche Systeme schnell in großen Stückzahlen herstellen zu können. Was würde diesen Gegner davon abhalten, diesen Entwicklungsvorsprung auszunutzen und diese einzusetzen, um sich dafür in eine Ausgangsposition zu bringen, aus der er nicht mehr vertrieben werden kann? Um diesem Risiko zu begegnen, müssen auch westliche Streitkräfte einen geeigneten Modus Operandi finden, der es ihnen erlaubt mögliche technologische Disruptionen der Kriegsführung sowohl in Kriegs- als auch Friedenszeiten zu identifizieren und zügig zu adaptieren, egal ob es sich um Anpassungen in der Software oder Hardware handelt beziehungsweise um die Einführung gänzlich neuer Waffensysteme.

Russland und die Ukraine demonstrieren derzeit, wie man mit einer solchen Situation in Kriegszeiten umgehen muss. So ist beispielsweise Russland mit der Aufstellung des Rubicon-Drohnenverbandes mehr als nur die Aushebung einer besonders erfolgreichen Drohneneinheit gelungen. Die enge Interaktion zwischen Rubicon und dem sogenannten militärischen-industriellen Komplex Russlands erlaubt es dem Drohnenverband, die Drohnenkriegsführung auf der technologischen und taktischen Seite schnell und effektiv weiterzuentwickeln. Gewonnene Erkenntnisse können so schnell zwischen Drohnenpiloten und Herstellern geteilt werden. Verbesserungen können auf diesem Wege dann auch in der Breite schneller operationalisiert werden.

Ähnliches lässt sich auch auf ukrainischer Seite beobachten. Auch hier wird von Vertretern der Industrie als auch den Streitkräften immer wieder betont, wie wichtig ein enger Austausch zwischen Herstellern und Truppe sei. In einem Interview mit dem US-Fachportal Defense News erklärt beispielsweise ein Angehöriger der Drohneneinheit Typhoon, die in der ukrainischen Nationalgarde eine Rubicon-ähnliche Rolle wahrnehmen soll, dass beispielsweise die in Deutschland hergestellten Vector-Drohnen und die in Polen hergestellten FlyEye-Drohnen zu den effektivsten und erfolgreichsten Aufklärungssystem westlicher Bauart zählen. „Ihr Erfolg beruht darauf, dass sie direktes Feedback von denjenigen erhalten, die ihre Drohnen vor Ort bedienen. Sie erhalten schnelles Feedback von diesen Einheiten, können die Systeme schnell modifizieren und sie zurückschicken. Diese Unternehmen sind auch in der Ukraine ansässig“, erklärt der als „Alex“ bezeichnete Angehörige von Typhoon gegenüber Defense News.

Im weiteren Verlauf konkretisiert der ukrainische Drohnenspezialist seine Aussage und erläutert, dass es bei vielen europäischen oder US-amerikanischen Herstellern Informationslücken bezüglich akuter Gefechtserkenntnisse gibt. Er führt dies auf die zeitliche Verzögerung zurück, bis die relevanten Informationen die Hersteller erreichen.

Zudem beschreibt Alex die Herausforderung beim Einsatz von unbemannten Bodensystemen (UGV), die er ebenfalls auf einen ungenügenden Informationsaustausch zwischen der kämpfenden Truppe und den Herstellern zurückführt. So wurden seinen Aussagen zufolge jüngst UGV-Tests abgehalten, die die aktuellen Gefechtsbedingungen möglichst realitätsnah abbilden sollten. Die Systeme mussten beispielsweise aus einem Grabensystem ohne direkte Sichtverbindung zwischen Bediener und UGV betrieben werden. Der Einsatzraum der UGV durfte auch nicht im Vorfeld begangen werden und der Untergrund untersucht werden, genauso wie es auch an der Front aktuell nicht möglich ist, seine Stellung zu verlassen und das Vorfeld vor einer Operation zu begehen. Ein einfacher Überflug mit einer Drohne musste für die Missionsplanung ausreichen. Liegengebliebene Systeme durften zudem nicht geborgen werden, so dass das Vorfeld von Durchgang zu Durchgang immer komplexer wurde. „Diese Tests haben eine kritische Lücke aufgezeigt: Viele Systeme funktionieren gut in kontrollierten Umgebungen, in denen die Entwickler das Terrain genau kennen, haben jedoch Schwierigkeiten, wenn die Bediener sich ausschließlich auf Fernerkundung verlassen und Echtzeitentscheidungen ohne Hintergrundinformationen treffen müssen. Dies macht deutlich, dass die Effektivität auf dem Gefechtsfeld mehr als nur technische Spezifikationen erfordert. Es sind Systeme erforderlich, die für den Einsatz unter schwierigen Informationsbedingungen ausgelegt sind“, gibt der Typhoon-Angehörige seine Erfahrung wieder.

Ähnliche Rückschlüsse lassen sich auch aus anderen Aspekten des aktuellen Kriegsgeschehen schließen, wie beispielsweise dem Panzerbau. Neben den russischen modifizieren auch die ukrainischen Streitkräfte ihre Kampfpanzer mit improvisierten passiven Schutzmaßnahmen, um diese besser gegen FPV-Drohnenangriffe zu schützen. Diese mit Igel-, Käfig- oder Plattenpanzerung kampfwertgesteigerten „Schildkrötenpanzer“ haben durchaus bewiesen, dass die improvisierten Schutzmaßnahmen wirken. Gleichzeitig sorgt das zusätzliche Gewicht der Fahrzeuge dafür, dass viele Systeme aufgrund ausgefallener Antriebskomponenten liegenbleiben und schlussendlich doch leichte Beute für FPV-Angriffe werden. Viele der im Einsatz befindlichen Getriebe kommen mit der zusätzlichen Belastung nicht zurecht. Im Grunde ein technisches Problem, welches sich technisch lösen lässt. Dafür ist jedoch auch hier ein enger Austausch notwendig, um aufgetretene Schwachstellen möglichst schnell identifizieren und abstellen zu können.

Ableitungen für die deutsche Wehrindustrie und die Bundeswehr

Die generelle Ableitung für die deutsche Wehrindustrie und die Bundeswehr ist einfach formuliert: Es bedarf einer engen Verzahnung zwischen den Herstellern und der kämpfenden Truppe. Hier geht es explizit um die „kämpfende Truppe“ und nicht höheren Kommandobehörden oder sonstigen Organisationseinheiten, die über keinen ungefilterten Echtzeiteinblick in die aktuellen Bedingungen des Gefechtsfeldes verfügen.

Die Erfahrungen des Deutschen Heeres im Zuge der Experimentalserie Land, die in diesem Jahr zum dritten Mal durchgeführt wurde, stützen die Erkenntnis, dass eine enge Interaktion zwischen Nutzer und Hersteller für beide Parteien von Vorteil ist. Gleichwohl sieht das deutsche Beschaffungswesen keinen direkten Austausch zwischen Truppe und Industrie vor, insbesondere dann nicht, wenn es um die Beschaffung neuer Waffensysteme geht.

Der Krieg in der Ukraine zeigt jedoch, dass die rapide Weiterentwicklung der Kriegsführung nur mittels integrierter bzw. in der breiten Truppe eingebundenen Ingenieurfähigkeiten in den Griff zu bekommen ist. Nur solche Fähigkeiten wären in der Lage, die Notwendigkeiten der Gefechtsführung und in die Sprache der Entwickler bzw. umgekehrt zu übersetzen und so eine schnelle Anpassung der Systeme gewährleisten – die teilweise auch durch die Truppe selbst vorgenommen werden muss.

Gegenwärtig sind solche Fähigkeiten bei der Bundeswehr weder systemisch vorgesehen noch in der Breite zufällig vorhanden – weil einzelne Soldaten in den Kompanien über ein entsprechendes Studium oder eine relevante Ausbildung verfügen.

Zur Auflösung dieser Situation gäbe es grundsätzlich zwei unterschiedliche Ansätze. Entweder die Bundeswehr baut diese Fähigkeiten in der Breite selbst auf, oder man schafft entsprechende Andockstellen für Herstellerpersonal. Veränderungen auf dem Gefechtsfeld könnten so in Kriegs- und Friedenszeiten zügiger an die Hersteller weitergegeben und bei der Weiterentwicklung der Systeme berücksichtig werden. Die Truppe hätte hingegen den Vorteil, dass Lösungen für technische Probleme schneller generiert würden, was die Schlagkraft der Streitkräfte sicherstellen würde. Sicherlich wäre auch eine funktionale Lösung möglich, die eine Mischung aus beiden Ansätzen berücksichtigt.

Gleichwohl wäre es nicht für den Nachteil der Streitkräfte, Ingenieurfähigkeiten in der Breite aufzubauen. Während beispielsweise jeder Offizier im Rahmen seiner Ausbildung eine fundierte Ausbildung in unterschiedliche Rechtsgebiete – beispielsweise Kriegsvölkerrecht und Wehrdisziplinarordnung – bekommt, die er auch bestehen muss, ist die Vermittlung von Kenntnissen des Maschinebaus, der Elektrotechnik und Informatik im Querschnitt nicht vorgesehen. Hier muss die Bundeswehr dringend nachsteuern.

Waldemar Geiger