RGW110 – Bedarf und Stand der Entwicklung

Waldemar Geiger

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Auch wenn schultergestützte Panzerabwehr- und Mehrzweckhandwaffen derzeit keine große mediale Aufmerksamkeit genießen, sieht der in Burbach ansässige Panzerabwehrspezialist Dynamit Nobel Defence (DND) einen ungebrochenen hohen Bedarf für solche Waffensysteme. Wie das Unternehmen auf Nachfrage von hartpunkt erklärte, ergibt sich der Bedarf aus vielen taktischen Gefechtsfeldsituationen, die nicht mit Strike-Drohnen oder Loitering Munition gelöst werden können. Beispiele dafür sind Wetterbedingungen bei denen Drohnen nicht fliegen, Panzer aber sehr wohl angreifen können oder Operationen in Gefechtsabschnitten mit stark ausgeprägten Drohnenabwehrfähigkeiten.

Darüber hinaus bieten Panzerfäuste insbesondere gegen stark gepanzerte Ziele immer noch signifikant bessere Wirkleistungen. Selbst mit Reaktivpanzerung geschützte Kampfpanzer können mit modernen Panzerfäusten wie beispielsweise der Panzerfaust 3 IT oder der Tandemhohlladungsvariante der RGW110 mit einem Schuss vernichtet werden, während Wirkmittel-tragende Drohnen – wie in vielen im Netz verfügbaren Videos zu sehen – oftmals nur geringe Schäden, wenn überhaupt, anrichten. Der Grund dafür liegt in der Funktionsweise von Panzerabwehr-Gefechtsköpfen, die zumeist nach dem Hohlladungsprinzip funktionieren.

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Für die optimale Penetrationsleistung des Hohlladungsstachels muss der Gefechtskopf in einem exakten Abstand zur Panzerung des Kampfpanzers zünden. Dies wird bei Panzerfäusten mittels einer konstanten Fluggeschwindigkeit der Granate und eines Abstandsrohres erreicht, welcher in der Länge genau so konzipiert ist, dass der Hohlladungsstachel sich voll ausbilden kann, bevor er auf die Panzerung trifft. Drohnen weisen jedoch keine konstante Fluggeschwindigkeit auf, daher ist es deutlich schwieriger, den Gefechtskopf in der Drohne so zu platzieren, dass die optimale Penetrationsleistung erreicht wird. Allzu oft trifft der Stachel auf die Panzerung, noch bevor er sich voll ausgeprägt hat oder nachdem er sich bereits zerlegt. Die Durchschlagsleistung leidet dadurch enorm, genauso wie die Fähigkeit, komplexe Gefechtsköpfe einzusetzen, deren Wirkprinzip auf mehreren aufeinander aufgebaute Ladungen (Tandemhohlladungen, Anti-Struktur-Munition) beruht. So ist es nicht ungewöhnlich, dass eine Wirkdrohne nur den Bruchteil einer Wirkleistung erzielt, obwohl sie den gleichen Gefechtskopf verwendet, wie eine Panzerfaust.

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DND hat für die Nachfolge der Panzerfaust 3 schon frühzeitig die Weichen gestellt und ist bereit mit der RGW110-Familie die flächendeckende Basisibefähigung zur Panzerabwehr zu leisten. Bereits 2022 konnte mit Ungarn ein Pilotkunde gewonnen werden, der die RGW110 HH-T Variante, sowie deren Übungs – und Subcalibre Systeme beschafft hat. Wie ein DND-Mitarbeiter erläutert, befindet sich das Unternehmen zudem mit zwei weiteren europäischen NATO-Ländern in fortgeschrittenen Gesprächen.

Die RGW110-Familie gilt DND zufolge als designierter Nachfolger der Panzerfaust 3 und soll mit einem weiterentwickelten Gefechtskopf eine noch höhere Flexibilität bei der Zielbekämpfung bieten. So ist die schultergestützte Waffe in der Lage, modernste Kampfpanzer, aber auch Strukturen wie Gebäudesegmente und Feldbefestigungen zu zerstören. Die RGW110 HH-T soll Herstellerangaben zufolge zudem im Vergleich zur Panzerfaust 3 um mehr als 3 kg leichter sein und die präzise Zielbekämpfung auf eine Reichweite von bis zu 600 m ermöglichen. Zur Erhöhung der Trefferwahrscheinlichkeit kann ein Feuerleitvisier montiert werden.

DND zufolge wurde die Waffensystemfamilie in den vergangenen beiden Jahren insbesondere in Hinsicht der Nachtkampffähigkeit weiterentwickelt. So wurde beispielsweise die aus der RGW90-Serie bekannte Klappschenkeloptik nun auch auf die RGW110 adaptiert. Hier jedoch mit einer 3-Fach-Vergrößerung und einem deutlich größeren Sehfeld, so dass Panzerziele schneller und einfacher aufgefasst und präzise identifiziert werden können. Die Klappschenkeloptik erlaubt es, die Waffe bei Bedarf auch ohne Feuerleitvisiere – wie beispielsweise das Dynahawk von Hensoldt oder das Fire Control Sight 14 (FCS 14) von Aimpoint – einzusetzen. Zudem erlaubt die auf die Visierlinie der Klappschenkeloptik abgestimmte Pica-Schiene die Montage von Rotpunktvisieren. Das Rotpunktvisier ermöglicht dann in Kombination mit der Nachtsichtbrille – deren Nutzung bei vielen Streitkräften zunimmt – die volle Nachtkampffähigkeit der RGW110, ohne dass zusätzliche Nachtsichtvorsatzgeräte genutzt werden müssen.

Waldemar Geiger