Politischer Wille oder besser gesagt politischer Unwille hat dazu geführt, dass die Bundeswehr in puncto Drohnenkriegsführung – offensiv und defensiv – heute faktisch blank dasteht. Übereifeier oder besser gesagt drohnenbezogene Fehlannahmen könnten nun dazu führen, dass selbst eine „drohnenstarke“ Bundeswehr in einem zukünftigen Konflikt militärisch gesehen weiterhin blank wäre.
Um die hinter der These stehende Logik zu begreifen, bedarf es eines kurzen „militärhistorischen“ Exkurses. Nach dem Zerfall des Warschauer Paktes haben insbesondre die europäischen Staaten ihre militärischen Fähigkeiten massiv reduziert. Viele unterliegen in diesem Zusammenhang der Irrannahme, dass Streitkräfte einfach nur verkleinert wurden, sprich die Personalstärke der Bundeswehr wurde einfach von rund 500.000 Soldatinnen und Soldaten auf zuletzt 180.000 reduziert; gleiches gilt für Panzer, Flugzeuge und Schiffe. Dies ist jedoch nicht der Fall. Insbesondere der „kämpfende“ Anteil der Streitkräfte wurde proportional stärker geschrumpft. Dies lässt sich am Beispiel des Heeres begreiflich zu machen.
In der Heeresstruktur 4, also in der Zeit 1980 bis 1990 verfügte das Heer über zwölf Divisionen mit insgesamt 38 aktiven Brigaden, darunter allein 17 Panzer- und 15 Panzergrenadierbrigaden. Zum Zeitpunkt der Annexion der Krim, also 2014, waren es drei Divisionen mit gerade mal acht Kampfbrigaden, davon nur drei Panzer- und zwei Panzergrenadierbrigaden – keine davon vollausgestattet. Würde man denselben Ausstattungsgrad wie im Kalten Krieg annehmen, würde das Heer über gerade mal eine vollausgestattete mechanisierte Division mit drei Panzer- bzw. Panzergrenadierbrigaden sowie eine Infanteriedivision mit drei Infanteriebrigaden verfügen. Man sieht also, während die Personalstärke auf rund 40 Prozent abgebaut wurde, wurden die effektiven Kampftruppengroßverbände von 38 Brigaden auf rund sechs vollausgerüstete Brigaden reduziert, was gerade mal einem Wert von 16 bis 17 Prozent der ehemaligen Anzahl an Kampfbrigaden entspricht.
Dies ist aber nur ein Teil der Problematik. In der politischen Fehlannahme, dass es zukünftig keinen Feind mehr geben würde – bzw. man das Auftauchen eines solchen mindestens ein Jahrzehnt im Voraus erkennen könne –, der über ähnliche militärische Stärke verfügt, wie es die NATO-Streitkräfte tun, wurden nicht nur die Streitkräfte verkleinert, es wurden auch ganze Fähigkeiten aufgegeben sowie die Weiterentwicklung der Truppe nur noch in reduziertem Maße betrieben. Auch hier gibt es sehr plakative Beispiele aus dem Heer. So wurde die Fähigkeit zur Abwehr von Bedrohungen aus der Luft, also die Heeresflugabwehr, gänzlich aufgegeben. Gleiches gilt für die Fähigkeit des Minenlegens durch die Pioniertruppe. Zwei Fähigkeiten, die sich im aktuellen Ukraine-Krieg als besonders wertvoll erwiesen haben. Zudem wurde auf die Modernisierung der militärischen Kommunikationsinfrastruktur – Stichwort gehärteter Digitalfunk – verzichtet bzw. diese verschleppt. Dies geschah jedoch nicht aufgrund von fehlender Einsicht oder nicht vorhandenem Weitblick in den Streitkräften, sondern weil schlichtweg kein Geld für die breite Einführung solcher Kommunikationssysteme vorhanden war.
Der fehlenden gesellschaftlichen Akzeptanz geschuldet, wurden Investitionen in die Streitkräfte auf ein Minimum reduziert. Der Bundeswehr war es in einer solchen Lage unmöglich, sich auf das zu dem Zeitpunkt aktuelle Primäraufgabenfeld – Durchführung von Stabilisierungsoperationen – zu konzentrieren und gleichzeitig Kräfte, Mittel und Entwicklungsressourcen für die Landes- und Bündnisverteidigung vorzuhalten. Streng genommen waren die zur Verfügung gestellten Haushaltsmittel weder für die eine noch die andere Aufgabe ausreichend, geschweige denn für beides. Ähnlich erging es auch anderen europäischen Streitkräften. Abseits der spürbaren Modernisierung im Bereich der Infanterie und Spezialkräfte mussten fast alle anderen Bereiche sträflich vernachlässigt werden. Selbst die vergleichsweise gut finanzierten US-Streitkräfte mussten priorisieren, so dass eine auf das Führen von hochintensiven Landgefechten abzielende Modernisierung auch dort vernachlässigt wurde.
Drohnenkriegsführung der Bundeswehr – erste Problemebene
Speziell für die Bundeswehr war jedoch der Umgang mit Drohnen, insbesondere dann, wenn es um die Bewaffnung von Drohnen ging. Dies liegt nicht daran, dass es den deutschen Streitkräften an „visionärem“ Personal fehlt, die die Bedeutung von Drohnen in den Streitkräften verschlafen haben. Das Gegenteil ist der Fall. Zu Zeiten des Kalten Krieges war die deutsche Rüstungsindustrie führend im Bereich der militärischen Drohnenentwicklung und die Bundeswehr im Einsatz solcher Systeme. Ab den 90er-Jahren war aber recht schnell Schluss damit. So wurden aufgrund fehlender Haushaltsmittel die Entwicklung und Einführung vieler in der Pipeline befindlichen Drohnensysteme nicht weiterverfolgt. Darüber hinaus wurde – wie beschrieben – auch die Modernisierung der militärischen Kommunikationsinfrastruktur verschleppt, welche die Basis für jegliche erfolgreiche Drohnenoperationen bildet. Die ideologisch motivierte, durch einzelne politische Akteure befeuerte und schlussendlich überflüssige „Drohnendebatte“ der 2010er Jahre hat am Ende jeglichen zeitgemäßen Drohnenkriegsführungsambitionen der Bundeswehr den Stecker gezogen.
Ergebnis des Ganzen: Während in der letzten Dekade die wachsende Bedeutung von Drohnen und Loitering Munition in der Kriegsführung beobachtet wurde und Russland erst die Krim annektiert und im Anschluss daran den Krieg in der Ostukraine zumindest befeuert hat, war in der Bundeswehr auf allen Ebenen und in allen Bereichen weiter Mangelverwaltung angesagt. Somit konnte auf die aufkommende Drohnenbedrohung weder in Form der breiten Einführung von eigenen Systemen noch in Form von Drohnenabwehrfähigkeiten adäquat reagiert werden.
Die großen Leitplanken für die aktuelle Lage wurden auf politischer und gesellschaftlicher Ebene gesetzt. Jedoch ist die Bundeswehr selbst wahrlich nicht frei von jeglicher „Schuld“. In den letzten dreißig Jahren wurden so manche Dinge auch innerhalb der Streitkräfte falsch entschieden oder versäumt. So ist beispielsweise die de facto unpraktikable Nutzung von Drohnen in der Bundeswehr nicht fehlenden Haushaltsmitteln geschuldet, sondern dem – man muss es so deutlich formulieren – für Streitkräfte krankhaften Risikoaversionsfanatismus. Wenn bürokratische Hürden in Verbindung mit exzessiven Sicherheitsvorschriften praktisch jeglichen realistischen Übungseinsatz der in der Bundeswehr punktuell vorhandenen Drohnen verhindern, dann muss man sich nicht wundern, dass Drohneneinsätze bei den eh schon spärlich durchgeführten Volltruppenübungen nicht stattfinden – auch nicht aus Sicht der Feinddarstellung. Spätestens dann, wenn die Übungstruppe in den letzten 15 Jahren bei jedem Durchgang im Gefechtsübungszentrum sowie den Übungszentren der Truppenschulen durchgehend Misserfolge zu verzeichnen gehabt hätte, weil sie permanent von feindlichen Aufklärungsdrohnen beobachtet worden wäre und keine Mittel zur Abwehr diese Bedrohung gehabt hätte, wäre jedem ersichtlich gewesen, dass es so nicht weitergehen kann.
Am Ende ist es aber wie es ist, viele dieser Herausforderungen wurden in den letzten Monaten und teilweise in den vergangenen Jahren angegangen, so dass zumindest mittelfristig Besserung zu erwarten ist. Es wurden zumindest in Grundzügen Möglichkeiten geschaffen, Drohnen für Ausbildung und Übung zu beschaffen und auch einfacher zu nutzen. Zudem wurden erste Fundamente für die Beschaffung einsatzrelevanter Drohnen und Loitering Munition gelegt, ähnliches gilt für das Thema Drohnenabwehr. Die Bundeswehr bewegt sich, was Drohnenkriegsführung angeht, zwar langsam, aber zumindest grob in die richtige Richtung.
Drohnenkriegsführung der Bundeswehr – zweite (potenzielle) Problemebene
Aktuell besteht ein hoher gesellschaftlicher, medialer, politischer und auch interner Druck der Bundeswehr, die Versäumnisse der Vergangenheit mit Hochdruck aufzuholen. Dabei besteht leider auch die Gefahr, dass die ein oder andere Entscheidungsebene in sprichwörtliche Hysterie verfällt. Von einzelnen Vertretern der Politik aufgestellte Forderungen nach dem sofortigen Kauf von 100.000 Drohnen – eine Forderung, die vollkommen unsinnig ist, weil sie a) undifferenziert ist und b) nicht annährend den quantitativen Bedarf der Streitkräfte decken würde – sind bereits dokumentiert. Jedoch ist auch die Streitkräfteführung nicht davor gefeit, dem einene oder anderen Hype aufzusitzen. Unterhält man sich nämlich mit Wissensträgern der Thematik innerhalb der Streitkräfte wird einem ab und an auch die Antwort gegeben, dass sich auch führende Offiziere der Bundeswehr am Aufbau einer operativen Hektik rege beteiligen, weil sie unkritisch alles für bare Münze nehmen, was ihnen Verbündete und Industrie erzählen. Hier ist die Gefahr groß, dass aus Zeitgründen Ressourcen für Mittel ausgegeben werden, die keinen wesentlichen Beitrag zur zukünftigen Drohnenkriegsführung der Bundeswehr beitragen würden. Dafür ist das Feld in mehrfacher Hinsicht zu dynamisch.
Im Gegensatz zur Ukraine und Russland – die sich im täglichen Gefecht gegeneinander befinden und daher stetig „State of the Art“- Systeme beschaffen, um diese unverzüglich zu verbrauchen – haben die westlichen NATO-Armeen zumindest eine gewisse Zeit, die Entwicklung genauer zu beobachten und Konzepte zu durchdenken, wie unbemannte Systeme gezielt in die Streitkräfte der jeweiligen NATO-Nation integriert werden können. Denn es mehren sich Berichte darüber, dass es selbst der Ukraine nicht mehr gelingt, Kleinstdrohnen zu beschaffen, die ohne weitere Anpassung von der Produktion in den Einsatz gebracht werden können – obwohl die ukrainischen Streitkräfte den jeweiligen Drohnenverbänden und -Einheiten die dezentrale Beschaffung ausdrücklich erlauben. Kaum eine Drohneneinheit kommt heute noch ohne eigene Werkstatt aus, in der erfahrene Hard- und Softwarespezialisten für die Einsatzfähigkeit notwendige Anpassungen vornehmen können.
Sowohl die russischen Streitkräfte als auch die Streitkräfte der Ukraine haben sich in den vergangenen fast dreieinhalb Jahren zu Meistern der Drohnenkriegsführung entwickelt. Diese Entwicklung war aber mehreren Umständen geschuldet. Einer davon ist die tägliche Teilnahme an aktiven Kriegshandlungen. Ein anderer liegt in der Notwendigkeit des innovativen Drohneneinsatzes, um den Mangel an klassischen Waffensystemen auszugleichen. Es mag den einen oder anderen überraschen, aber ukrainische Kommandeure präferieren noch immer klassische Feuerunterstützungsmittel der Artillerie gegenüber Strike-Drohnen, wie der renommierte Kriegsanalyst Justin Bronk in seinem jüngsten Beitrag schreibt. „Wenn verfügbar, werden hochwertige Panzerabwehrlenkflugkörpersysteme, Panzerabwehr-BONUS-Artilleriegeschosse und reguläre Artillerie von vielen ukrainischen Kommandeuren nach wie vor bevorzugt, um russische Versuche, die Frontlinien zu durchbrechen, abzuwehren, da sie weitaus reaktionsschneller sind und Fahrzeuge zuverlässiger ausschalten und massierte Infanterie besser unterdrücken können als FPV-Drohnen“, schreibt Bronk in seinem am 4. August 2025 auf der Webseite des Royal United Services Institute for Defence and Security Studies erschienen Beitrag mit dem Titel „NATO Should Not Replace Traditional Firepower with ‘Drones’“. Drohnen sind seiner Analyse zufolge sehr gut für statische Gefechte geeignet, in dynamischen Situationen – wo der Faktor Zeit eine viel größere Rolle spielt – sind klassische High-end-Waffensysteme aufgrund ihrer schnelleren Wirkung im Ziel weiterhin im Vorteil. In diesem Zusammenhang sei auch an den alten Grundsatz im Feuerkampf erinnert, wonach derjenige den Feuerkampf gewinnt, der schneller schießt und besser trifft. Dieser Grundsatz wird einem jeden Bundeswehrsoldaten seit Jahrzehnten bereits in der Grundausbildung eingetrichtert. Die Kosten für die Patrone sind in einem solchen Feuerkampf irrelevant, wichtig ist, dass man den Gegner bekämpfen kann, bevor es dieser mit einem selbst macht. Der Kostenfaktor gewinnt nur in einem statischen Abnutzungskrieg an Bedeutung, welcher aber nicht zwangsläufig ist.
Sowohl Russland als auch die Ukraine führen den aktuellen Krieg nicht so, weil sie es für die beste Methode der Kriegsführung halten, sondern weil beiden Kriegsparteien Kräfte und Mittel für eine mobile Gefechtsführung fehlen, die eine schnelle Entscheidung herbeiführen könnte. Das heißt nicht, dass Drohnen in der „wirklich modernen Kriegsführung“ überflüssig sind, das Gegenteil ist der Fall. Drohnen – sowohl zur Aufklärung als auch zur Wirkung – müssen fester Bestandteil einer jeden modernen Streitmacht in allen Dimensionen werden, jedoch als Kampfkraftmultiplikator von bewährten Waffensystemen und nicht als Ersatz. Darüber hinaus gibt es weder aus Russland noch aus der Ukraine Signale, wonach man der Weisheit letzten Schluss in dem Einsatz von Drohnen gefunden hätte. Es verhält sich genau umgekehrt, sowohl die Drohnentypen, als auch die Art diese einzusetzen entwickeln sich stetig weiter, genauso wie die Strukturanpassungen die beide Kriegsparteien vornehmen, um den Drohneneinsatz zu optimieren.
Die tatsächliche Hausaufgabe westlicher Streitkräfte und somit auch der Bundeswehr liegt daher weniger in der Auswahl der „richtigen“ Drohnen, die massenhaft beschafft werden, sondern in der zweckmäßigen Integration von unbemannten Systemen in die eigenen Strukturen, um so bei Bedarf einen Masseneinsatz von Drohnen zu ermöglichen bzw. den Masseneinsatz von feindlichen Drohnen verhindern zu können und dadurch die größtmögliche Kampfkraft der eigenen Truppe entfalten zu können.
Die Herausforderung dabei liegt in dem Umstand, dass es keine Blaupause für diese „richtige“ Integration gibt und Erfahrungswerte anderer nur bedingt übernommen werden können. Um den für die Bundeswehr richtigen Weg zu finden, bedarf es einer gewissen Geduld und vor allem der Möglichkeit, unter möglichst realen Bedingungen oft, viel und vor allem einfach experimentieren zu können. 100.000 Drohnen sind in der heutigen Zeit schnell gekauft und geliefert, geholfen wäre der Bundeswehr damit aber wenig. Wie die stetig zunehmende Dynamik der Drohnenkriegsentwicklung in der Ukraine zeigt, ist die Anpassungsfähigkeit einer der wichtigsten Schlüsselfaktoren des erfolgreichen Drohneneinsatzes gegen einen Gegner der ebenfalls Meister der Drohnenkriegsführung ist. Dafür sind sowohl Systeme erforderlich, die eine schnelle Anpassung zulassen, als auch der Expertise in der Truppe, die Notwendigkeit einer Anpassung zu erkennen und diese schnell (auch selbst) vornehmen zu können. In der aktuell durchregulierten Bundeswehr – die weder die notwendige Dynamik noch die dafür nötigen einfachen Berührungspunkte zwischen Herstellern und Truppe zulässt – kaum vorstellbar. Wenn diese Hürden nicht schnell behoben werden, wird auch eine zügigere Beschaffung von Drohnen im großen Maße das Drohnenproblem der Bundeswehr nur kurzzeitig lindern, aber nicht dauerhaft lösen.
Waldemar Geiger


















