Vor drei Jahren, im Sommer 2022, konstruierten vier ukrainische Ingenieure denn Prototypen der ersten maritimen Drohne des Landes. Das innovative Seekriegsmittel, welches in der Form bis dahin unbekannt war, wurde unter strengster Geheimhaltung gebaut. Das Wasserfahrzeug hat seitdem die Geschichte der maritimen Kriegsführung verändert und eine neue Ära der Drohnenkriegsführung auf See eingeläutet.
Die Entscheidung Russlands, am 27. Juli auf die üblichen Paraden von Kriegsschiffen zum Tag der Marine zu verzichten, ist nicht zuletzt auf die Bedrohung durch ukrainische Drohnen zurückzuführen. Die kleinen unbemannten Überwasserfahrzeuge (USV) der Ukraine haben der viel größeren russischen Marine im Schwarzen Meer die Kontrolle über die See entrissen. Sie bedrohen russische Kriegsschiffe und die Logistik. So sehr, dass die russische Schwarzmeerflotte seit über einem Jahr kaum noch den Hafen verlassen hat. Und nun eifert Russland der ukrainischen Initiative nach und führt eigene, ähnliche USVs ein.
Die Geschichte der ukrainischen USVs begann im Sommer 2022, nur wenige Monate nach dem russischen Überfall. In diesem Exklusivbeitrag kann die hartpunkt-Partnerseite Naval News erstmals faszinierende Erkenntnisse über die ersten ukrainischen Marinedrohnen präsentieren.
Die Geburtsstunde einer Legende
Die ukrainisches USV, die sich großer Bekanntheit erfreut, ist die Magura V5. Dieses nur knapp 5,5 Meter lange kleine Boot hat mehrere russische Kriegsschiffe versenkt, darunter die Raketenkorvette Iwanowets am 31. Januar 2024 und das Landungsschiff Caesar Kunikow am 14. Februar 2024. Die V5 betrat jedoch erst 2023 die Bühne. Zuvor gab es, wie die Bezeichnung vermuten lässt, vier frühere Entwürfe.
Die Magura V1 wurde im Frühsommer 2022 in der Ukraine entwickelt. Das Projekt begann im Mai, nur einen Monat nach dem Untergang des russischen Kreuzers Moskwa, der weithin als erstes Anzeichen dafür angesehen wird, dass Russland den Seekrieg nicht ganz nach seinen Vorstellungen gestalten würde. Das ukrainische Team, bestehend aus nur vier Ingenieuren, wurde vom Geheimdienst der Ukraine beauftragt, „etwas gegen die feindlichen Flotte zu unternehmen“.
Das Team hatte die Idee, kleine USVs zu bauen, um den Krieg zur russischen Marine zu tragen. Es stand ihnen anfangs nur ein Fischerboot als Grundlage zur Verfügung. Von deutlich höherer Relevanz sollte sich jedoch die Verfügbarkeit Starlink erweisen. Die Bedeutung von Starlink, oder besser gesagt, einer zuverlässigen, erschwinglichen, datenintensiven und unauffälligen Zwei-Wege Satellitenkommunikation, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Andere hatten zuvor bereits bewaffnete unbemannte Boote gebaut, insbesondere der Iran, aber die Fähigkeiten der Boote waren immer durch die kurze Reichweite der Kommunikation eingeschränkt. Erstmalig konnten sich die ukrainischen Seedrohnen auf menschliche Piloten stützen, die sich sicher an Land, Hunderte von Kilometern hinter dem Geschehen befanden.
Die Magura V1 hatte einen 6 Meter (19 Fuß) langen Rumpf mit einem bescheidenen Außenbordmotor. Der Rumpf wurde tiefer geschnitten und das offene Deck wurde mit einem entlang der Mittellinie verlaufenden Abdeckung überdacht. Dadurch erhielt sie ein unglaublich niedriges Profil; das größte hervorstehende Objekt war der Außenbordmotor am Heck.
Der erste große Angriff
Die Tests mit der V1 waren so erfolgreich, dass schnell die speziell entwickelte V2 in Angriff genommen wurde. Überraschenderweise bezieht sich das „V“ in der Bezeichnung nicht auf „Version“, sondern auf den tiefen V-Rumpf. Die Nummerierung ist jedoch fortlaufend. Die V2 wurde auf einen Jet-Ski Antrieb umgestellt, wodurch sie insgesamt flacher wurde. Der Rumpf wird als kanuähnlich beschrieben und hat ein glattes, abgerundetes Oberdeck mit einem markanten Wellenbrecher.
Am 29. Oktober 2022 wurde der Welt bewusst, dass USVs das Potenzial haben, viel größeren und mächtigeren Seestreitkräften eine schmerzhafte Niederlage zuzufügen. Eine Flotte verbesserter Magura V3 (spätere Berichte, die sie als „Mykola” bezeichneten, waren fehlerhaft) drang in den Hafen von Sewastopol an der Südwestspitze der Krim ein. Der Marinestützpunkt, Russlands wichtigster im Schwarzen Meer, galt bis dahin als stark verteidigt. Die USVs drangen tief in den Hafen ein und trafen mehrere Kriegsschiffe. Die russischen Schiffe wurden zwar nicht versenkt und nicht alles funktionierte wie geplant, aber es war klar, dass die Ukraine auf dem richtigen Weg war.
Die Magura V3 war ein etwas größeres Modell, das ansonsten der V2 ähnelte. Es handelte sich um eine serienreife Version, die in geheimen Werkstätten in der Ukraine in kleiner Stückzahl gebaut werden konnte. Der wichtigste äußere Unterschied besteht darin, dass sie über drei statt zwei Wellenbrecher am vorderen Bug verfügt. Darunter, im Rumpf verborgen, befand sich ein etwa 150 kg schwerer Sprengkopf.
Magura V3 weitergedacht
Die bekannteste Variante ist die V5, die auf die experimentelle V4 folgte. Diese verfügt über einen voluminöseren Rumpf, um mehr Treibstoff und einen größeren Sprengkopf aufnehmen zu können. Mit den Details vertraute Personen berichten dem Autor, dass Magura-USVs mindestens 17 Marineziele zerstört und drei weitere beschädigt hätten. Das ist deutlich mehr als bei anderen Konstruktionen.
Auf die V5 folgte die größere W6 – W steht für Walfängerrumpf, wie bei dem berühmten Boston Whaler-Boot. Dieser bietet eine viel breitere Plattform, und der Typ wurde erstmals mit einer aus zwei AA-11 Archer-Luft-Luft-Raketen bestehenden Bewaffnung dokumentiert, welche auch als „FrankenSAM“ bezeichnet wurden. Die W6 kann entweder mit einem innenliegenden Antrieb, oder einem Außenbordmotor ausgestattet und auch für Aufklärungsaufgaben eingesetzt werden. Auf die W6 folgte die noch größere V7, die vor allem dafür bekannt wurde, einen russischen Jäger vom Typ Flanker mit einer Sidewinder-Rakete abgeschossen zu haben.
Die Ukraine verfügt mittlerweile über viele USV-Typen, von denen einige von Verbündeten geliefert, viele jedoch vor Ort hergestellt werden. Magura hat somit Konkurrenz erhalten, aber alle modernen USVs verdanken ihre Entwicklung der bescheidenen Magura V1, die vor drei Jahren aus einem Fischerboot gebaut wurde.
Autor: H.I. Sutton. Der Beitrag erschien erstmalig am 30.07.2025 in englischer Sprache auf der hartpunkt-Partnerseite Naval News.


















