Ukraines Deep-Strike-Kampagne gegen die russische Ölinfrastruktur

Fabian Hoffmann

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Im März 2026 erreichte die strategische Luftkampagne der Ukraine gegen die Energieinfrastruktur Russlands, insbesondere gegen Ölanlagen, einen neuen Höhepunkt. Schätzungen zufolge startete die Ukraine in diesem Monat mehr Langstreckendrohnenangriffe als Russland und setzte dabei über 7.000 Systeme ein, von denen einige bis zu 1.500 Kilometer tief in russisches Territorium vordrangen.

Die Verlässlichkeit dieser Zahlen lässt sich nur schwer überprüfen. Dennoch sprechen die Ergebnisse der Kampagne für sich: Die kumulativen Schäden an der russischen Energieinfrastruktur scheinen inzwischen Russlands Fähigkeit zu übersteigen, sie zu reparieren und zu ersetzen.

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Dieser Beitrag bewertet, was die Deep-Strike-Kampagne der Ukraine in den vergangenen Monaten erreicht hat, wie sie dorthin gelangt ist, und welche Implikationen sich daraus ergeben.

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Der Schaden

Die ukrainische Drohnenkampagne gegen die Ölinfrastruktur Russlands hat sich seit Januar 2026 deutlich intensiviert. Angriffe im Frühjahr zielten auf die Ilsky-Raffinerie in Krasnodar und die Ölverarbeitungsanlage in Almetjewsk in Tatarstan. Im späten März und frühen April intensivierte sich die Kampagne und erfasste ein breiteres Zielspektrum: die Ostseeexportterminals in Ust-Luga und Primorsk, die Jaroslawler Raffinerie in Moskaunähe, die Lukoil-Raffinerie Nischni Nowgorod in Kstowo — die rund 30 Prozent des Benzins für die Moskauer Region liefert — sowie zuletzt das Terminal Sheskharis und die Anlage des Kaspischen Pipeline-Konsortiums in Noworossijsk.

Die kumulativen Auswirkungen sind erheblich. Die russischen Ölexporte sanken in der Woche vom 22. bis 29. März um 43 Prozent — von 4,07 auf 2,32 Millionen Barrel pro Tag —, was für diese Woche allein einem geschätzten Einnahmeverlust von einer Milliarde US-Dollar entspricht. Reuters zufolge haben die Angriffe die russische Raffinierkapazität um rund 17 Prozent bzw. 1,1 Millionen Barrel pro Tag reduziert. Auf dem Höhepunkt der Störungen waren etwa 40 Prozent der russischen Exportkapazität ausgefallen, wobei dieser Wert die kombinierten Auswirkungen der Druschba-Pipelinesperrung, der Beschlagnahme von Tankern und der Drohnenangriffe widerspiegelt.

Eine unabhängige Überprüfung spezifischer Schadenszahlen bleibt schwierig. Die Intensität und die Erfolge der ukrainischen Deep-Strike-Kampagne haben dennoch sehr wahrscheinlich ein seit Kriegsbeginn nicht erreichtes Ausmaß angenommen.

Wie es dazu kam

Der Erfolg der ukrainischen Langstreckendrohnenkampagne ist kein Zufall. Er spiegelt eine kontinuierliche Planungs- und Formierungsarbeit wider, die durch industrielle Engpässe auf russischer Seite verstärkt wird.

Erstens machte Selenskyj Ende 2024 konventionelle Langstreckendrohnen und Mini-Marschflugkörper zu einer zentralen Priorität in der ukrainischen Rüstungsindustriepolitik. Die Produktion wurde im Verlauf des Jahres 2025 hochgefahren, und die Ukraine hatte möglicherweise Anfang 2026 eine kritische Masse erreicht. Die Unfähigkeit der Ukraine, einen nennenswerten Teil der Produktion auf schwerere und leistungsfähigere Flugkörpersysteme zu verlagern, bleibt jedoch eine Einschränkung. Defizite bei einzelnen Systemfähigkeiten wurden jedoch wahrscheinlich teilweise dadurch ausgeglichen, dass leichtere Systeme in immer größerer Zahl gegen russische Anlagen eingesetzt wurden.

Zweitens hat die Ukraine eine höchst wirksame Unterdrückungskampagne gegen die russische Luftverteidigung betrieben und die integrierte russische Luftverteidigungs- und Flugkörperabwehr systematisch degradiert. Analysten von Tochnyi weisen in einem sehr empfehlenswerten Bericht darauf hin, dass die Ukraine zwischen Juni 2025 und März 2026 bestätigte Treffer auf 237 luftverteidigungs­bezogene Ziele — darunter Starteinheiten und Radarsysteme — sowie auf 196 Radar- und Elektronische-Kampfführungs-Systeme erzielt hat, was wahrscheinlich zu schweren Beschädigungen oder der Zerstörung der Systeme führte.

Die Folgen dieser Unterdrückungsangriffe auf die Luftverteidigung sind nichtlinear. Angesichts der enormen geographischen Ausdehnung Russlands ist eine überlappende Luftverteidigungsabdeckung schwer aufrechtzuerhalten. Einzelne Verluste können so zum vollständigen Kontrollverlust über ein Gebiet führen und damit die für die Ukraine verfügbaren Angriffsvektoren unmittelbar vervielfachen. Russlands offensichtliche Weigerung, Kräfte aus dem dichten Luft- und Flugkörperabwehrgürtel rund um Moskau zu verlagern — wohl aus Sorge, die Kriegsrealitäten zu nahe an die Machtzentrale heranzubringen — verschärft das Problem zusätzlich.

Drittens fällt es Russlands ohnehin überlasteter Kriegswirtschaft wahrscheinlich schwer, die benötigten Ressourcen — sowohl Rohstoffe als auch Arbeitskräfte — zu mobilisieren, um die Flugkörperabwehrproduktion nennenswert zu steigern, ohne die Produktion in anderen Bereichen direkt zu beeinträchtigen. Technische Einschränkungen begrenzen zudem Russlands Fähigkeit, Infrastrukturschäden schnell zu beheben — insbesondere wenn Angriffe höherwertige Komponenten getroffen haben. Kontakte in der norwegischen Ölindustrie haben dem Autor bestätigt, dass chinesische Technologie zwar eine gewisse Abhilfe schafft, den fehlenden Ersatzteilnachschub von westlichen Lieferanten aber nicht vollständig kompensieren kann.

Implikationen für den Krieg

Die Langstreckendrohnenkampagne allein entscheidet den Krieg nicht zugunsten der Ukraine und erschöpft auch nicht Russlands wirtschaftliches Potenzial. Russlands Raffinierkapazität gehört nach wie vor zu den größten der Welt und verfügt über erhebliche Überschusskapazitäten, die die inländische Kraftstoffversorgung abfedern. Die Benzinpreise sind gestiegen und Exportverbote wurden zeitweise verhängt, doch die Kraftstoffverfügbarkeit ist nicht eingebrochen. Einige Fertigungs- und Verarbeitungskapazitäten werden zudem nach Osten verlagert, außerhalb der Reichweite ukrainischer Drohnen und anderer Flugkörper.

Diese Punkte sind zutreffend, doch können diese Maßnahmen Russlands wirtschaftliches System nicht komplett vor den Folgen abschirmen. Verlagerung ist langsam, kostspielig und logistisch ineffizient. Sie stellt zerstörte Kapazitäten nicht wieder her und erzeugt Lieferkettenprobleme, die Produktionsdefizite verschärfen können. Kapitalausgaben für neue Anlagen verringern zudem die für den eigentlichen Kriegseinsatz verfügbaren Haushaltsmittel. Bestehende Überschusskapazitäten in der Ölindustrie wurden außerdem bereits vor der Intensivierung der Deep-Strike-Kampagne abgebaut. Am entscheidendsten ist: Exportinfrastruktur lässt sich nicht verlagern. Primorsk, Ust-Luga und Noworossijsk sind Fixanlagen, die so verwundbar bleiben werden, wie sie für Russlands Wirtschaft zentral sind.

Die kumulativen Auswirkungen dieser Einschränkungen sind real und belasten Russlands Haushalt und Planung spürbar, auch wenn sie weit davon entfernt sind, seine Kriegsfähigkeit zum Einsturz zu bringen. In dieser Hinsicht bleibt die Analogie zur alliierten strategischen Bomberoffensive gegen die deutsche Kriegswirtschaft im Zweiten Weltkrieg so zutreffend wie eh und je.

Der Erfolg des ukrainischen Vorhabens lässt sich nicht allein am absoluten Rückgang der erreichten Produktion messen. Er muss daran gemessen werden, was von der russischen Kapazität verbleibt — im Verhältnis zu dem, was ohne die Kampagne verblieben wäre. Die deutsche Rüstungsproduktion stieg bis Mitte 1944 weiter an und blieb dennoch deutlich hinter dem zurück, was ohne die alliierten Bombenangriffe möglich gewesen wäre. Ähnlich sind die russischen ölbezogenen Einnahmen zwar nicht eingebrochen, liegen aber messbar unter dem, was sie sonst wären. Gleichzeitig wird die fiskalische Planung des russischen Staates rund um Öleinnahmen materiell untergraben, was Planungsunsicherheiten aufwirft.

Parallelen und Kontraste zum Iran-Krieg

Es bietet sich an, einen aufschlussreichen Vergleich sowie Kontrast zwischen der ukrainischen Luftkriegsführung gegen Russland und jener der Vereinigten Staaten und Israels gegen den Iran zu ziehen. In beiden Fällen haben Akteure versucht, eine strategische Luftkampagne zu führen, die darauf abzielt, den Gegner in die Knie zu zwingen.

Im amerikanisch-israelischen Fall umfasste dies Angriffe auf Streitkräfte im Feld, Führungs- und Kommandoeinrichtungen sowie Produktionsanlagen, die auf rasche Wirkung ausgelegt waren. Die Kampagne war teilweise erfolgreich — sie degradierte nachweislich Irans Flugkörperkapazitäten und reduzierte sehr wahrscheinlich die iranische Flugkörper- und Drohnenproduktion —, blieb jedoch hinter den entscheidenden Ergebnissen zurück, die amerikanische und israelische Planer wohl angestrebt hatten. Irans Kampffähigkeit war zum Zeitpunkt des Inkrafttretens der vereinbarten Waffenruhe erheblich geschwächt, aber nicht gebrochen. In diesem Sinne verfehlte die strategische Luftkampagne ihren primären Zweck: die Übersetzung von militärischer Gewalt in ein entscheidendes politisches Ergebnis.

Im ukrainischen Fall läuft die strategische Luftkampagne seit 2024. Die Ergebnisse waren nicht entscheidend, doch die Instrumentalität des Vorhabens — die Verbindung zwischen militärischer Aktion und politischen Zielen — ist erheblich klarer. Die Wirkungen sind latent, nicht entscheidend, und dennoch stellen sie eines der wirksamsten Mittel dar, das der Ukraine zur Verfügung steht, um russische Kapazitäten zu degradieren und Druck aufzubauen.

Dieser Kontrast bietet eine weiterreichende Einsicht in den Nutzen der strategischen Luftkriegsführung, besonders im Flugkörperzeitalter. Strategische Luftmacht muss nicht entscheidend sein, um zu zählen. In der großen Mehrheit der Fälle kann sie ohnehin keine entscheidenden Wirkungen erzielen. Anstatt ihren Nutzen allein deshalb pauschal in Frage zu stellen — wie es mittlerweile in Mode gekommen ist —, täten Analysten jedoch besser daran, die latenten, kriegsformenden Wirkungen der strategischen Luftkriegsführung anzuerkennen und zu berücksichtigen.

Autor: Fabian Hoffmann ist Senior Research Fellow am Norwegian Defence University College. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Verteidigungspolitik, Flugkörpertechnologie und Nuklearstrategie. Der Beitrag erschien erstmalig am 12. April 2026 in englischer Sprache im „Missile Matters“ Newsletter auf Substack.