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Hensoldt strebt angeblich Börsengang an

Bereits seit dem vergangenen Jahr spekulieren Medien über einen bevorstehenden Börsengengang des Sensorspezialisten Hensoldt. Ein gestern veröffentlichter Beitrag im Handelsblatt, wonach der Eigentümer KKR kurz vor dem Ausstieg stehen soll, dürfte die Spekulationen weiter anheizen. In dem Artikel wird Hensoldt-CEO Thomas Müller mit den Worten zitiert: „Wir sind der Porsche der Verteidigungsindustrie. Teuer, aber technisch führend.“ Über das Wann und Wie eines Ausstiegs von KKR wollte sich der Manager jedoch nicht äußern. Er wies allerdings erneut darauf hin, dass die Option eines Börsengangs vor Anfang vorgesehen war.

Klar ist, dass die Ausgangslage für einen  Börsengang im Augenblick günstig ist. Denn Hensoldt soll ein neues AESA-Radar für den Eurofighter entwickeln und bauen. Der Bundestag hatte das Geschäft im Volumen von rund 1,4 Mrd EUR noch vor der Sommerpause freigegeben. Weitere Radare werden voraussichtlich dazukommen, wenn das BMVg bei Airbus neue Eurofighter im Rahmen des Projektes Quadriga beauftragt, was am Jahresende erfolgen könnte. Und auch Spanien benötigt das Radar für seine Eurofighter.  Diese noch ausstehenden Aufträge könnten dann weitere 800 Mio EUR in die Kasse spülen. Von BMVg auf den Weg gebracht wurde auch das SIGINT-Vorhaben Pegasus, für das etwa eine Mrd EUR veranschlagt wird. Hierbei ist Hensoldt Generalauftragnehmer.

Überdies ist der Konzern auch im maritimen Bereich erfolgreich. So ist Hensoldt mit seinem Radar TRS-4D mit an Bord von  vier Schiffen des Typs MKS 180. Der Vertrag für die Schiffe, die von Damen Shipyards Group, der Thales Group und der Lürssen-Werft unter Einbindung der German Naval Yards gebaut werden,  wurde erst im Juni unterzeichnet. Wobei die Option für zwei weitere Schiffe besteht.

Im Wettbewerb bei F 124 und F 123

Radare von Hensoldt sind auch für die neuen Korvetten der Deutschen Marine vorgesehen. Zudem befindet sich der Konzern offenbar im finalen Anbieterfeld bei zwei Ausschreibungen: Dem neuen Rundsuchradar für die F 124 sowie die Erneuerung von Radaren und Elektronik auf den  Fregatten der Klasse F 123.

Beobachter vermuten, dass beim Ersatz des Smart-L-Radare auf der F-124 auch Thales aus den Niederlanden sowie Leonardo aus Italien noch im Wettbewerb sind. Gerüchten zufolge soll sich Hensoldt bei diesem Projekt mit einem ausländischen Partner zusammengetan haben. Da das Vorhaben noch in dieser Legislaturperiode durch den Bundestag gebracht werden soll, gehen gut informierte Kreise davon aus, dass die Aufforderung zum Best and Final Offer in Kürze erfolgen muss, wenn noch in diesem Jahr der Sieger gekürt werden soll.

Beim Ersatz der Sensorik auf der F 123 gehen die Meinungen auseinander, ob eine parlamentarische Befassung vor der Sommerpause 2021 realistisch ist. Wenn ja, müsste auch hier vermutlich noch im laufenden Jahr die Aufforderung zum  BAFO erfolgen. Hensoldt soll hier dem Vernehmen nach eine Partnerschaft mit der TKMS-Tochter Atlas Elektronik eingegangen sein. Als einziger verbliebener Mitbewerber  ist dem Vernehmen nach das schwedische Unternehmen Saab weiter im Rennen.

Beteiligung an TLVS

Geschäftschancen bestehen für Hensoldt auch im Bereich der bodengebundenen Luftabwehr: Sollte das gegenwärtig in Bearbeitung beim Bundeswehr-Beschaffungsamt BAAINBW befindliche Angebot von MBDA und Lockheed Martin für das Taktische Luftverteidigungssystem (TLVS) vom BMVg akzeptiert werden, wäre  das Unternehmen auch hier beteiligt. Etwa beim Feuerleitradar MFCR oder beim Mittelbereichsradar.

Eine gute Ausgangsposition hat sich Hensoldt zusammen mit anderen deutschen Partnern auch  bei Zukunftsprojekten wie dem Future Combat Air System oder dem Maritime Airborne Warfare System gesichert.

Sollte es tatsächlich in Kürze zum Börsengang kommen, bleibt abzuwarten, wie sich der Bund positioniert. Denn Hensoldts Portfolio umfasst viele Produkte   – insbesondere in den Bereichen Aufklärung und elektronische Kampfführung – ,  die vom BMVg als Schlüsseltechnologien eingestuft werden.   KKR musste bereits seinerzeit als Vorbedingung für den Kauf von Hensoldt ein so genanntes Sicherheitsabkommen mit dem Bund unterschreiben, durch das der Verbleib der Technologie im Land gewährleistet werden soll. Es ist schwer vorstellbar, dass in Zukunft auf eine solche Vereinbarung verzichtet wird. Die Bundesrepublik Deutschland hat überdies  erstmals  in der Verteidigungsindustrie  eine so genannte Goldene Aktie an Hensoldt erworben und ist dadurch im Aufsichtsrat des Unternehmens vertreten.
lah/28.8.2020