GORE-TEX – Innovationen erfolgen für die Beschaffung zu schnell

Waldemar Geiger

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Moderne Kampfbekleidungssysteme sind Hightech-Produkte und seit Langem mehr als klassische Uniformen für Soldatinnen und Soldaten. Sie tragen dazu bei, ihre Träger vor visueller Aufklärung, Witterungseinflüssen und teilweise sogar vor Waffenwirkung zu schützen. Weitere Merkmale sind der Schutz vor Hitze und Flammen sowie vor Vektoren wie Insekten und Kriechtieren. Gleichzeitig muss Kampfbekleidung so konzipiert sein, dass sie die Träger bei der Auftragserfüllung nicht behindert. Tragekomfort und Funktionalität spielen daher ebenfalls eine wesentliche Rolle.

Da kein einzelnes Bekleidungsstück alle Anforderungen gleichzeitig erfüllen kann, sind moderne Kampfbekleidungssysteme zur Erfüllung dieser vielfältigen Schutzfunktionen mehrschichtig aufgebaut, eine davon ist die Nässeschutzschicht. Die einzelnen Schichten sind dabei so aufeinander abgestimmt, dass sie sich in ihrer Funktionsweise nicht gegenseitig beeinträchtigen. Um dies zu gewährleisten, greifen die Hersteller auf zahlreiche Technologien zurück. Eine davon ist die 1969 von W. L. Gore & Associates entwickelte mikroporöse Membran aus Polytetrafluorethylen, die aufgrund ihrer vielfältigen Eigenschaften ein breites Anwendungsspektrum abdeckt – unter anderem in der Raumfahrt, Elektronik, Medizin und seit 1976 auch in der Bekleidungsindustrie.

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2026 jährt sich die Markteinführung der wasserdichten und zugleich atmungsaktiven GORE-TEX-Membran, die auf dieser Technologie beruht, zum 50. Mal. Denn 1976 kam die erste kommerzielle Jacke eines US-Herstellers auf den Markt, die auf die GORE-TEX-Technologie setzte. Kurze Zeit später zogen auch europäische Hersteller nach. In die Bundeswehr wurde die von W. L. Gore & Associates entwickelte Technologie, die sich mittlerweile breit durchgesetzt hat, allerdings erst 1990 eingeführt.

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Ein Umstand, der eine eingehendere Betrachtung rechtfertigt. Denn der zögerliche Umgang von Streitkräften mit Innovationen ist kein Phänomen, das erst im Zeitalter der Drohnenkriegsführung aufgetreten ist. Die inzwischen 50 Jahre alte GORE-TEX-Membran ist dafür ein gutes Beispiel.

Evolution der GORE-TEX-Membran

Nässeschutzbekleidung erfüllt mehrere Funktionen gleichzeitig. Sie soll die Träger vor Durchnässung und anschließender Auskühlung schützen. Dafür muss sie Nässe von außen, etwa durch Regen, ebenso abhalten wie Feuchtigkeit, die durch Schwitzen entsteht, von innen nach außen transportieren. Schließlich ist wenig damit gewonnen, wenn die Soldatin oder der Soldat zwar vor Regen geschützt ist, aber gleichzeitig von innen durchnässt, weil die eigene Körperfeuchtigkeit nicht abgeführt werden kann. Genau diese Funktion erfüllt die wasserdichte und zugleich atmungsaktive GORE-TEX-Membran – zumindest bis zu einem gewissen Punkt. Bei dauerhafter körperlicher Anstrengung produziert der Körper so viel Feuchtigkeit, dass die Atmungsaktivität der Membran überlastet werden kann. Zudem kann es sein, dass Rucksäcke oder Plattenträger die Atmungsaktivität einschränken. Bleibt die Soldatin oder der Soldat trotzdem aktiv, drohen Durchnässung und anschließende Auskühlung in einer Ruhephase.

Was sich nach einer Petitesse anhört, ist in der militärischen Praxis ein großes Problem. Frierende Soldaten können ihren Auftrag nicht mehr so erfüllen, wie es erforderlich wäre. Der Körper versucht natürlicherweise, durch Zittern seine Temperatur zu erhöhen, damit verbunden sind Bewegungen und ein höherer Geräuschpegel. Gleichzeitig sinkt die Konzentrationsfähigkeit. Alles Aspekte die für sich allein zu einem tödlichen Ausgang im Gefecht führen können. Doch auch ohne unmittelbare negative Folgen kann eine Auskühlung eine Erkrankung und eine spätere Einschränkung der körperlichen Leistungsfähigkeit verursachen. Im schlimmsten Fall fällt die betroffene Person bis zu ihrer Genesung vollständig aus.

Moderne Nässeschutzbekleidung soll genau diese Effekte verhindern. Wie lange sie Schutz bietet, hängt unter anderem von der Atmungsaktivität der Membran ab. Die Grundformel ist einfach: Je höher die Atmungsaktivität, desto länger beziehungsweise intensiver kann sich ein Soldat körperlich anstrengen, bevor die vom Körper produzierte Feuchtigkeit zum Problem wird. Außerdem sind die Schichten wichtig. Wird unter der Bekleidung Baumwolle getragen, schränkt diese die Atmungsaktivität ein. Eine erste Lage aus Wolle kann Schweißaufnahme puffern, ausgleichen und dennoch wärmen. Ziel der Nässeschutzbekleidung im Gesamtsystem ist es daher, Soldatinnen und Soldaten nicht nur trocken, sondern sie auch möglichst lange einsatzfähig zu halten, ohne dass es zu einer Durchnässung von innen oder außen kommt.

Um dies zu erreichen, wurde die GORE-TEX-Membran seit ihrer Einführung in das militärische Bekleidungswesen der Bundeswehr stetig weiterentwickelt. Nach der Einführung der ersten Generation im Jahr 1990 stellte der Hersteller 2006 die 2. Generation der Membran vor. Neben der höheren Leistungsfähigkeit wurden das Gewicht reduziert und der Tragekomfort verbessert. Bis die Technologie in der Truppe eingeführt wurde, dauerte es jedoch. Am schnellsten erfolgte die Umstellung bei den Spezialkräften. Dort kam die neue Membran bereits 2009 in ersten Kampfbekleidungsprodukten zum Einsatz. Bei einem kleinen Teil der regulären Truppe dauerte die Einführung bis 2012. Damals wurde die 2. Generation der GORE-TEX-Nässeschutzmembran im Zuge des Kampfbekleidungssystems „Infanterist der Zukunft – Erweitertes System“ eingeführt. Die Einführung der Technologie für breitere Truppenteile erfolgte erst sieben Jahre später im Rahmen des „Kampfbekleidungssatzes Streitkräfte“ (KBS-SK). Die Vollausstattung der Bundeswehr mit diesem Bekleidungssatz wurde allerdings erst 2026 vollzogen; ursprünglich war dies sogar erst für 2031 vorgesehen. Damit vergingen 20 Jahre zwischen der Verfügbarkeit der Technologie und der Vollausstattung der Truppe.

In der Zwischenzeit hatte W. L. Gore & Associates bereits 2019 die 3. Generation der Membran entwickelt. Die als GORE-TEX Stretch bezeichnete Technologie ermöglicht im militärischen Bereich der Nässeschutzbekleidung eine bislang unerreichte Bewegungsfreiheit. Zugleich reduziert sie Gewicht und Geräuschentwicklung, ohne dass Einbußen bei der Strapazierfähigkeit hingenommen werden müssen. Die Stretch-Funktion der Membran ermöglicht körpernähere Schnitte. Durch die engere Passform lassen sich Herstellerangaben zufolge die Luftkammern zwischen Körper und Kleidung reduzieren. Dadurch kann die Wärmeabstrahlung im Vergleich zu bisheriger militärischer Einsatzkleidung um bis zu 25 Prozent verbessert werden. Die Träger solcher Nässeschutzbekleidung sind einer geringeren thermischen Belastung ausgesetzt und zugleich beweglicher, was in einer höheren bzw. länger andauernden Einsatzfähigkeit resultiert.

Die Bundeswehr hat die Vorteile dieser Technologie erkannt und sie seit Anfang der 2020er-Jahre in verschiedene Nässeschutzbekleidungsprodukte integriert – bislang allerdings nur für die Spezialkräfte und teilweise für die Gebirgsjägertruppe. In der breiten Truppe ist die 3. Generation der GORE-TEX-Membran noch nicht angekommen.

Adaptionsfähigkeit von Innovationen

Das Beispiel der GORE-TEX-Membran zeigt anschaulich, wie gering die Fähigkeit der Bundeswehr ausgeprägt ist, Innovationen zu übernehmen – selbst bei Technologien und Produkten, deren Nutzen von den Streitkräften nachweislich anerkannt ist. Sowohl die 1. als auch die 2. Generation der Membran wurden schließlich flächendeckend in die Bundeswehr eingeführt, auch wenn dies teilweise Jahrzehnte dauerte.

Die Gründe für die Verzögerung zwischen der Vorstellung einer Technologie und ihrer breiten Einführung können vielfältig sein. Neben der Zeit, die Bekleidungshersteller benötigen, um eine Technologie zu übernehmen – üblicherweise ein bis zwei Jahre –, sind vor allem budgetäre und vertragliche Gründe dafür verantwortlich, dass die Einführung neuer Technologien im Bekleidungswesen so lange dauert.

Kommt eine Technologie beispielsweise ein Jahr zu spät, um bei der Erstellung der Spezifikation für eine neue Kampfbekleidungsgeneration berücksichtigt zu werden, kann es durchaus eine Dekade dauern, bis sich die nächste Gelegenheit der Implementierung bietet. Denn erst wenn ein auf Basis der älteren Technologiegeneration vergebener mehrjähriger Rahmenvertrag für die Bekleidungslieferung ausläuft oder auszulaufen droht, ergibt sich eine Chance, die neuere Generation einzuführen.

Ein Grund dafür sind fehlende Innovationsklauseln in der Mehrzahl der Beschaffungsvorhaben der Bundeswehr. Solche Klauseln wurden beispielsweise jüngst bei der Beschaffung von Aufklärungsdrohnen und Loitering-Munition-Systemen mittlerer Reichweite berücksichtigt. Bei der Beschaffung von Kampfbekleidung fehlen entsprechende Mechanismen hingegen, obwohl ihre Einführung seit geraumer Zeit gefordert wird.

Dabei eignet sich kaum ein Beschaffungsfeld besser dazu, technologische Innovationen schrittweise in die Nutzung zu bringen, als die Kampfbekleidung. Sie unterliegt einer stetigen Nutzung und Abnutzung und muss daher regelmäßig ersetzt werden. Aktuell erfolgt diese Erneuerung jedoch ausschließlich durch die Neubeschaffung desselben Produkts. Man stelle sich einen Athleten oder eine Sportmannschaft vor, die weiterhin mit Ausrüstung zum Wettkampf antritt, die vor zehn Jahren auf dem Markt gekommen ist, seitdem aber mehrmals verbessert wurde. Die Erfolgschancen im Wettkampf wären wohl signifikant niedriger. Bei der Kampfbekleidung der Bundeswehr wird jedoch nach genau diesem Prinzip gehandelt. Änderungen, etwa der Austausch der Membran oder eine Anpassung des Schnitts, sind nicht gestattet – unabhängig davon, wie sinnvoll sie wären. Überspitzt gesagt: Die Bundeswehr gibt weiterhin Geld für veraltete Technologien aus, obwohl neuere und leistungsfähigere Lösungen verfügbar sind und teilweise sogar kostenneutral integriert werden könnten. Ihre Einführung würde zu einem späteren Zeitpunkt ohnehin erfolgen. Ursache sind Vertragsgestaltungen, die ausschließlich die Beschaffung von Produkten und Technologien erlauben, die explizit im Vertrag beschrieben sind.

Resümee

Die Bundeswehr hat bereits vor Jahren erkannt, dass die beschriebene Beschaffungspraxis bei IT-Produkten unzweckmäßig ist, wenn die Truppe mit Lösungen ausgestattet werden soll, die dem Stand der Technik entsprechen. Jüngst wurde diese Erkenntnis auch auf die Beschaffung von Drohnen und vergleichbare Produktfelder ausgeweitet, die kürzeren Innovationszyklen unterliegen als etwa Kampfpanzer oder Kampfflugzeuge. Die Übertragung dieser Erkenntnis auf das Bekleidungswesen steht hingegen noch aus. Dabei wird auch hier die schnellere Übernahme von Innovationen immer wichtiger, wenn nicht sogar überlebenswichtig.

Smarte Kleidung, also Bekleidung mit integrierter Elektronik, ist dafür nur ein Beispiel. Die Verbreitung der Drohnentechnologie und das damit einhergehende transparente Gefechtsfeld sind ein weiteres. Die Bewegung von Soldatinnen und Soldaten auf einem von Drohnen überwachten Gefechtsfeld wird zunehmend nur dann möglich sein, wenn eigene Maßnahmen – etwa Drohnenabwehr und Elektronischer Kampf – feindliche Drohnen vom Himmel holen oder widrige Umweltbedingungen wie Kälte, Nebel, starke Winde und heftiger Regen deren Einsatz einschränken oder gänzlich verhindern. Soldatinnen und Soldaten, die unter diesen Bedingungen ihren Auftrag erfüllen können – möglichst besser als der Gegner –, werden auch im Gefecht erfolgreich bestehen können.

Waldemar Geiger