Die Vernetzung von Waffensystemen und die Integration unterschiedlicher Plattformen werden nach Einschätzung der Luftwaffe zu entscheidenden Voraussetzungen für die Luftkriegsführung der Zukunft. Einzelne technologisch überlegene Systeme reichten nicht mehr aus, um sich dauerhaft auf einem modernen Gefechtsfeld durchzusetzen, betonte ein Vertreter vom Kommando Luftwaffe in der vergangenen Woche beim Air Force Tech Summit der CPM Verlag GmbH in Berlin.
„Früher waren unsere Systeme plattformzentriert“, sagte der Oberst der Luftwaffe. Ein Waffensystem habe einen Krieg entscheiden können oder auch nicht. „Heutzutage ist es maximal gut für einen zweiwöchigen Vorsprung. Spätestens, bis die Gegenseite wieder reagiert hat.“ Dann sei jeder Technologievorsprung, den man in dem Moment erreicht habe, bereits Vergangenheit, sagte der Luftwaffenoffizier. Seiner Einschätzung zufolge müsse eine Plattform, die beschafft werden solle, deshalb netzwerkfähig sein. Andernfalls habe sie keine Erfolgschancen.
Als Beispiel nannte er die F-35A. Das Flugzeug sei als Teil eines umfassenderen Wirkverbundes zu betrachten. Andernfalls sei es, als besitze man ein iPhone 18, nutze es aber nur wie ein Handy Anfang der 1990er-Jahre.
„Wir müssen fünfte Generation und vierte Generation miteinander irgendwie koppeln“, betonte er. Die Luftwaffe könne ihre bestehenden Plattformen, darunter den Eurofighter, aufgrund der Kosten nicht einfach durch neue Systeme ersetzen. Es sei auch nicht zielführend, wenn Stand-alone-Systeme versuchten, auf dem Gefechtsfeld zu überleben. Die angestrebte Vernetzung betreffe nicht allein die Luftwaffe, sondern ebenso Heer und Marine, hob der Luftwaffenoffizier hervor.
„Wir sehen uns konfrontiert mit Waffen, die in Reichweiten agieren, die uns vor Herausforderungen stellen“, nannte der Angehörige des Kommando Luftwaffe eine weitere Herausforderung für die Luftwaffe. Im Konflikt zwischen Pakistan und Indien habe man die Wirkung solcher Waffen gesehen. Als Antwort könne man selbst in die Entwicklung oder Beschaffung von Effektoren mit großer Reichweite einsteigen. Eine Herausforderung bestehe dabei jedoch in deren Führung. Alternativ könne man die Problematik netzwerkzentriert betrachten. „Any Shooter, Any Sensor“ sei eine Antwort darauf.
Möglicherweise könne man mit einem unbemannten Collaborative Combat Aircraft (CCA), das mit einem Flugkörper klassischer Reichweite ausgerüstet sei, näher an das Ziel herankommen und den Gegner auf diese Weise ebenfalls aushebeln. Vielleicht werde letztlich sogar beides benötigt.
In Fachkreisen und teilweise auch in den Medien werde diskutiert, ob überhaupt noch bemannte Luftfahrzeuge benötigt würden. „Wir glauben, dass es aktuell ohne bemannte Luftfahrzeuge nicht geht“, fasste der Offizier die Position der Luftwaffe zusammen. Der ausschließliche Einsatz unbemannter Systeme setze eine durchsetzungsfähige Kommunikation voraus. Die Luftwaffe sei jedoch gegenwärtig nicht davon überzeugt, dass diese sichergestellt werden könne, etwa bei Distanzen von mehreren Tausend Kilometern. Man werde also weiterhin bemannte Flugzeuge benötigen.
Nichtsdestotrotz würden unbemannte Systeme seinen Worten zufolge künftig eine wichtige Rolle spielen, etwa beim elektronischen Kampf tief in einer Gefahrenzone. Grundsätzlich müsse das gesamte Spektrum unbemannter Plattformen für den Einsatz betrachtet werden, nicht nur der Loyal Wingman.
Neben der Vernetzung hob der Oberst als weitere Herausforderung die rasante Entwicklung unbemannter Systeme hervor. Die Konflikte in der Ukraine und im Iran befruchteten sich seiner Beobachtung nach mitunter gegenseitig. Die Entwicklungen deuteten darauf hin, dass Drohnen künftig auch im Schwarm eingesetzt werden könnten. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis klassische Antriebe durch Elektroantriebe mit großen Reichweiten ersetzt würden, so der Bundeswehroffizier.
Er verwies auch auf den Krieg im Iran, in dem die USA die Luftherrschaft im März zwar mehrfach erklärt hätten. Trotz der technologischen Überlegenheit des größten NATO-Landes sei der Iran weiterhin in der Lage, „rund um die Uhr“ Angriffe zu starten und wichtige Ziele zu treffen. Dabei handele es sich nicht um einen Konflikt auf Augenhöhe, denn eine iranische Luftwaffe und Luftverteidigung im klassischen Sinne gebe es nicht mehr. Zugleich würden umfassend kostengünstige Wirkmittel eingesetzt, um die gegnerische Abwehr zu übersättigen und deren Kosten in die Höhe zu treiben. Bei der Verteidigung gehe es deshalb auch um die Durchhaltefähigkeit der Rüstungsindustrie.
Eine wirksame Luftverteidigung müsse nach Einschätzung des Bundeswehroffiziers auf mehreren Ebenen ansetzen und ein breites Spektrum an Fähigkeiten umfassen. Dazu gehörten unterschiedliche bodengebundene Luftverteidigungssysteme ebenso wie Luftfahrzeuge und Maßnahmen gegen gegnerische Produktions- und Logistikstrukturen. Einen vollständigen Schutz vor Angriffen könne es nach Ansicht des Offiziers jedoch nicht geben.
Als weiteren wesentlichen Faktor bezeichnete er den Einsatz Künstlicher Intelligenz. In einem Gefecht gegen einen Gegner, der KI konsequent nutze, werde eine Streitkraft ohne entsprechende Fähigkeiten unterliegen. Dafür seien nicht nur geeignete Anwendungen erforderlich, sondern auch ausreichende Rechenkapazitäten, eine gesicherte Energieversorgung, belastbare Datenbestände und militärisch sichere KI-Modelle.
Auch die Abhängigkeit vom Weltraum müsse bei der Weiterentwicklung der Luftwaffe berücksichtigt werden, sagte der Oberst. Satellitengestützte Fähigkeiten seien unter anderem für die Kommunikation und die Zeitsteuerung unverzichtbar und bildeten damit eine wesentliche Voraussetzung für die Einsatzfähigkeit moderner Waffensysteme.
Lars Hoffmann


















