Die U.S. Army will die beiden wichtigsten neuen Gefechtsfahrzeuge für ihre schweren Kräfte, den Kampfpanzer M1E3 sowie zwei zur Auswahl stehende Kandidaten für den XM30, in Kürze unter realen Truppenbedingungen erproben. Das 1st Armored Brigade Combat Team der 1st Cavalry Division („Iron Horse“) soll noch 2026 Prototypen des neuen Kampfpanzers M1E3 Abrams sowie des künftigen Schützenpanzers XM30 erhalten. Dies geht aus einem Facebook-Beitrag der Brigade von Mitte August hervor. Eine zentrale Bewährungsprobe ist für 2027 beim National Training Center vorgesehen.
Die Brigade trägt den Beinamen „Iron Horse“ und ist Teil des Ansatzes „Transforming in Contact“, mit dem die Army neue Fähigkeiten und Ausrüstung möglichst früh unter realistischen Bedingungen erproben will.
Damit verlassen zwei zentrale Modernisierungsvorhaben der U.S. Army zunehmend die reine Entwicklungs- und Erprobungsphase. Der M1E3 soll langfristig den M1A2 Abrams ablösen. Der XM30 ist als Nachfolger des Schützenpanzers M2 Bradley vorgesehen. Die Army führt beide Programme dabei mit unterschiedlichen Beschaffungsansätzen: Während beim M1E3 die Weiterentwicklung des Abrams im Mittelpunkt steht, konkurrieren beim XM30 General Dynamics Land Systems und American Rheinmetall mit unterschiedlichen Entwürfen.
General Dynamics Land Systems soll der Army im Laufe des Jahres mehrere M1E3-Prototypen zur Verfügung stellen. Darüber hinaus sind vier von Roush gefertigte Prototypen für die „Iron Horse“-Brigade vorgesehen. Die Fahrzeuge sollen nach derzeitiger Planung noch im Oktober 2026 zulaufen.
Beim XM30 stehen zwei unterschiedliche Entwürfe zur Verfügung. General Dynamics Land Systems tritt mit dem „Wolf“ an, American Rheinmetall mit einer Variante des „Lynx“. Beide Fahrzeuge müssen die Anforderungen der U.S. Army erfüllen und weisen deshalb zahlreiche Gemeinsamkeiten auf. Die anschließende Truppenerprobung soll Erkenntnisse liefern, die über klassische technische Tests hinausgehen. Die Army will insbesondere feststellen, wie sich die Fahrzeuge in den taktischen und logistischen Abläufen eines regulären mechanisierten Verbandes bewähren.
Kampfpanzer M1E3
Beim M1E3 setzt die U.S. Army auf eine grundlegende Weiterentwicklung des Abrams-Konzepts. Der neue Panzer soll leichter ausfallen als die bisherigen Abrams-Varianten und über einen Hybrid-Antrieb verfügen. Nach Angaben der Army soll der Ansatz zugleich den logistischen Aufwand reduzieren und die strategische Verlegefähigkeit verbessern.
Ein wesentliches Merkmal ist der unbemannte Turm. Die Besatzung soll dadurch von vier auf drei Soldaten reduziert werden. Die Besatzungsmitglieder sitzen stark geschützt in der Wanne, während der Turm ohne direkte Besatzung auskommt.
Hinzu kommen dem Hersteller zufolge eine offene Systemarchitektur und ein 360-Grad-Lagebild für den Kommandanten. Die offene Architektur soll es zukünftig ermöglichen, Software und weitere Komponenten über die Lebensdauer des Fahrzeugs vergleichsweise einfach zu aktualisieren. Die Army verfolgt damit einen Ansatz, bei dem der Kampfpanzer nicht als statische Plattform, sondern als fortlaufend weiterentwickelbares System verstanden wird.
Der M1E3 wurde im Januar 2026 erstmals öffentlich vorgestellt. Die Präsentation des frühen Prototyps erfolgte auf der North American International Auto Show in Detroit. Die Army stellte dabei insbesondere die verringerte logistische Belastung und die verbesserte Beweglichkeit des neuen Abrams heraus.
XM30 ersetzt Bradley
Noch grundsätzlicher ist der bevorstehende Generationswechsel beim XM30. Das Fahrzeug soll den M2 Bradley ablösen, der seit den frühen 1980er Jahren das Rückgrat der amerikanischen mechanisierten Infanterie bildet.
Die beiden verbliebenen Wettbewerber General Dynamics Land Systems und American Rheinmetall haben ihre Prototypen auf die Anforderungen der Army zugeschnitten. Beide Fahrzeuge verfügen über einen unbemannten Turm, eine offene Systemarchitektur, leistungsfähigere Rechner- und Energieversorgung sowie einen Hybrid-Antrieb. Als Hauptbewaffnung ist eine 50-mm-Kanone vorgesehen, was eine deutliche Steigerung des Kalibers gegenüber der 25-mm-Kanone des Bradley darstellt. Diese soll mit programmier- und tempierbarer Munition ausgestattet werden. Darüber hinaus soll der XM30 weitere Effektoren aufnehmen können. Dazu gehören unter anderem Flugkörper und Loitering Munitions. Die Army beschreibt den XM30 entsprechend nicht lediglich als geschützten Transporter für Infanteristen. Das Fahrzeug soll innerhalb eines Joint Combined Arms Teams operieren, unter anderem auch unbemannte und teilautonome Systeme steuern und über eine hohe Durchsetzungsfähigkeit verfügen.
Für die weitere Entwicklung des XM30 dürfte die bevorstehende Truppenerprobung von besonderer Bedeutung sein. Nach derzeitiger Planung könnten beide Kandidaten im Frühjahr 2027 nach der Erprobung durch die „Iron Horse“-Brigade und einer Rotation am National Training Center miteinander verglichen werden. Anschließend könnte die Army eine Auswahlentscheidung bekanntgeben. Allerdings hat sich das US-Heer ausdrücklich die Möglichkeit offengehalten, den Wettbewerb länger fortzuführen. Sollte die Erprobung keinen eindeutigen Sieger hervorbringen, könnte sich die Entscheidung daher weiter verzögern.
Die Bedeutung der „Iron Horse“-Erprobung geht damit über eine technische Bewertung der Fahrzeuge hinaus. Die Army will mit ihrem Ansatz „Transforming in Contact“ neue Fähigkeiten bereits während ihrer Entwicklung durch Soldaten anwenden lassen. Gerade bei den beiden neuen Gefechtsfahrzeugen ist dieser Ansatz relevant. M1E3 und XM30 sollen nicht isoliert betrachtet werden, sondern in ein zunehmend vernetztes Gefechtssystem integriert werden. Sensoren, Führungsmittel, unbemannte Systeme und Effektoren sollen dazu miteinander verbunden werden.
Das Konzept entspricht damit der Entwicklung, die sich auch aus den Erfahrungen moderner Landkriegsführung ableiten lässt. Drohnen, elektronische Kampfführung, präzise Wirkmittel und zunehmend vernetzte Sensoren verändern die Anforderungen an gepanzerte Plattformen.
Die Army versucht deshalb, neue Fahrzeuge nicht erst nach Abschluss einer langjährigen Entwicklung unter Einsatzbedingungen zu bringen. Stattdessen sollen die Soldaten bereits während der Einführung Rückmeldungen zu Bedienung, Wartung, taktischem Einsatz und Zusammenspiel mit anderen Systemen liefern.
M1E3 und XM30 als Teil eines neuen Gefechtsverbundes
Bei beiden Programmen zeichnet sich damit ein ähnlicher technologischer Ansatz ab. Die Plattformen sollen leistungsfähiger, stärker vernetzt und leichter an zukünftige Anforderungen anzupassen sein.
Beim M1E3 betrifft dies insbesondere die Kombination aus reduziertem Gewicht, Hybridantrieb, unbemanntem Turm und offener Systemarchitektur. Beim XM30 kommen zusätzlich die Fähigkeiten zur Führung beziehungsweise Integration unbemannter Systeme hinzu.
Für die U.S. Army stellt sich damit nicht mehr ausschließlich die Frage, welches Fahrzeug die höchste Feuerkraft oder den besten Schutz bietet. Entscheidend ist zunehmend, wie effektiv eine Plattform Informationen aufnehmen, verarbeiten und mit anderen Systemen teilen kann. Die bevorstehende Erprobung durch die „Iron Horse“-Brigade wird deshalb auch Aufschluss darüber geben, ob die technischen Konzepte im Verbandsrahmen den erwarteten operativen Mehrwert liefern.
Kristóf Nagy
















