US-Streitkräfte setzen auch auf kostengünstige Flugkörper

Fabian Hoffmann

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Am 13. Mai gab das US-Verteidigungsministerium die Unterzeichnung von Rahmenverträgen mit fünf amerikanischen Flugkörperherstellern bekannt. Die Verträge sehen die potenzielle Produktion und Lieferung von über 10.000 kostengünstigen Marschflugkörpern sowie 12.000 aeroballistischen hyperschallfähigen Flugkörpern vor.

Die durch diese Vereinbarungen begründeten Programme sind der jüngste Schritt in den sich beschleunigenden Bemühungen der Vereinigten Staaten, ihre Flugkörperproduktionskapazitäten im gesamten Spektrum weitreichender Präzisionswaffen auszubauen. Dieser Beitrag untersucht die einzelnen Fähigkeiten, die durch die Vereinbarungen abgedeckt werden und ordnet sie in den breiteren Kontext des amerikanischen Flugkörperaufrüstungsprogramms ein.

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Kostengünstiges containerisiertes Flugkörperprogramm

Vier amerikanische Unternehmen wurden ausgewählt, um im Rahmen des „Low-Cost Containerized Missile“-Programms zwischen 2027 und 2029 potenziell über 10.000 Mini-Marschflugkörper zu liefern. Dabei handelt es sich um Andurils SLB-500M, CoAspires GHOST sowie noch nicht bestätigte Systeme von Leidos und Zone 5 Technologies. Produktionsverträge werden nach einer Evaluierungs- und Bewertungsphase vergeben, die für Juni 2026 geplant ist.

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Andurils SLB-500M hat eine Reichweite von über 930 Kilometern und trägt eine relativ leichte Nutzlast von 45 Kilogramm. Die luftgestützte Variante, die Barracuda-500M, wurde kürzlich als AGM-189A eingeführt. Die Bezeichnung der bodengestützten Variante, die in das Programm aufgenommen wurde, ist noch nicht bekannt.

GHOST ist die bodengestützte Variante von CoAspires RAACM-ER, selbst eine Weiterentwicklung des RAACM-Mini-Marschflugkörpers, der aus dem ERAM-Programm der US-Luftwaffe hervorgegangen ist — konzipiert, um den dringenden Bedarf an einer kostengünstigen Abstandswaffe für verbündete Luftstreitkräfte zu decken. Laut Hersteller verfügt der luftgestützte RAACM-ER über eine Reichweite von über 1.800 Kilometern. Ob GHOST diese Reichweite in bodengestützter Konfiguration beibehält, ist unklar, wenngleich eine Reichweite deutlich oberhalb von 1.000 Kilometern plausibel erscheint. Die Nutzlastkapazität wurde nicht offengelegt, dürfte aber mit der des SLB-500M vergleichbar sein.

Über das Angebot von Zone 5 Technologies ist weniger bekannt, obwohl es höchstwahrscheinlich auf dem Rusty Dagger basiert, einem luftgestützten Mini-Marschflugkörper, der kürzlich von der US-Luftwaffe die Bezeichnung AGM-188A erhalten hat. Wie der RAACM wurde er ursprünglich im Rahmen des ERAM-Programms angeboten. Unklar ist, ob Zone 5 den Flugkörper für den Bodeneinsatz adaptieren oder ob es sich weiterhin um eine luftgestützte Fähigkeit handeln wird — etwa durch einen palettisierten Containerstarter, der mit Transportflugzeugen wie der C-130 und C-17 kompatibel ist. Die Reichweite des Rusty Dagger übersteigt nachweislich 450 Kilometer, möglicherweise erheblich. Die Nutzlastkapazität ist unbekannt, dürfte jedoch mit der des SLB-500M und des GHOST vergleichbar sein.

Das Leidos-System ist das am wenigsten dokumentierte der vier. Es handelt sich um ein bodengestütztes System ohne bestätigte Bezeichnung. Leidos hat zudem keine Reichweiten- und Nutzlastspezifikationen veröffentlicht. Das System stützt sich auf Technologien der AGM-190A Black Arrow, einem luftgestützten Mini-Marschflugkörper mit einem Gesamtgewicht von nur 91 Kilogramm und einer nachgewiesenen Reichweite von mindestens 740 Kilometern. Die in das LCCM-Programm aufgenommene Variante wird doppelt so groß sein wie die Black Arrow, was nahelegt, dass sie diese Reichweite in bodengestützter Konfiguration beibehalten oder sogar übertreffen könnte. Die Nutzlastkapazität dürfte begrenzt bleiben und unter der der anderen drei Systeme liegen.

Keiner der vier Flugkörper verfügt über eine besonders aufwendige Navigaitonsfähigkeit. Alle nutzen GPS/INS als primären Lenkungsmodus für die Mittelphase des Fluges. Für den Rusty Dagger und den SLB-500M ist bestätigt, dass sie über eine Form der bildgestützten Navigation verfügen, um die Navigation in GPS-gestörten Umfeldern zu stützen. Ähnliche Fähigkeiten erscheinen auch bei den anderen beiden Systemen plausibel.

Kostengünstiges Hyperschall-Flugkörperprogramm

Der Rahmenvertrag vom Mai 2026 umfasst auch die Beschaffung des Blackbeard-Flugkörpers von Castelion, einem 2022 gegründeten Verteidigungsunternehmen. Der Blackbeard ist ein aeroballistischer Flugkörper, der für den Flug bei Geschwindigkeiten über Mach 5 ausgelegt ist und dabei atmosphärische Manövrierfähigkeit behält. Laut Hersteller ist er für den Einsatz gegen zeitkritische und gehärtete Ziele vorgesehen.

Castelion entwickelt sowohl eine bodengestützte Variante, den Blackbeard-GL, als auch eine luftgestützte Variante. Die US-Marine hat die luftgestützte Variante separat im Rahmen ihres MACE-Programms ausgewählt und an Castelion einen Vertrag über 105 Millionen US-Dollar für die Integration in den F/A-18E/F vergeben. Die anfängliche Einsatzfähigkeit ist für 2027 vorgesehen. Ob der Rahmenvertrag vom Mai 2026 die luft- oder bodengestützte Variante abdeckt und ob er mit dem MACE-Programm zusammenhängt oder davon unabhängig ist, bleibt derzeit unklar.

Konkrete Reichweiten- und Nutzlastangaben werden nicht offengelegt. Das US-Heer beschreibt den Blackbeard-GL als System, das 80 Prozent der Fähigkeiten der Precision Strike Missile Increment 4 erbringt, was eine Reichweite von etwa 800 Kilometern implizieren könnte (sofern damit die ungefähre Reichweite der PrSM Inc. 4 von rund 1.000 Kilometern gemeint ist, wenngleich sich die Angabe ebenso auf Nutzlastkapazität oder andere Spezifikationen beziehen könnte). Das MACE-Programm enthielt eine Nutzlastanforderung von mindestens 75 Pfund (34 Kilogramm), was auf einen vergleichsweise kleinen Gefechtskopf hinweist. Die vom Hersteller spezifizierte Fähigkeit zur Bekämpfung gehärteter Ziele dürfte daher durch eine sehr hohe Endphasengeschwindigkeit erreicht werden.

Die US-Marine hat einen angestrebten Stückpreis von rund 300.000 US-Dollar für die luftgestützte Variante angegeben. Gemeinsame Beschaffungen durch Heer und Marine sollen dabei Skaleneffekte erzeugen. Der Rahmenvertrag sieht ein garantiertes Minimum von 500 Flugkörpern pro Jahr für zwei Jahre vor, sobald Tests und Validierung abgeschlossen sind, mit der Möglichkeit, über fünf Jahre hinweg mehr als 12.000 Flugkörper zu beschaffen, vorbehaltlich entsprechender Mittelzuweisungen.

Amerikanisches Flugkörperaufrüstungsprogramm: Kontext und Umfang

Die Rahmenverträge vom Mai 2026 sind der jüngste Schritt bei den anhaltenden und sich beschleunigenden Bemühungen, die amerikanischen Flugkörperproduktionskapazitäten im gesamten Spektrum weitreichender Präzisionswaffen auszubauen. Die Kampferfahrungen in der Ukraine und im Iran haben gezeigt, dass moderne Konflikte Langstreckenwaffen in einem Tempo verbrauchen, das die bestehenden westlichen Industriekapazitäten nicht aufrechterhalten können — eine Lehre, die die Vereinigten Staaten mit Blick auf eine mögliche Konfrontation mit China energisch umzusetzen begonnen haben.

Am oberen Ende des Spektrums liegt die geplante JASSM-ER-Produktion für 2026 bei etwa 396 Einheiten, wobei die Produktionslinie Berichten zufolge auf rund 860 Einheiten gesteigert werden kann, sofern sie vollständig auf die JASSM-ER ausgerichtet wird. Die Produktion wird derzeit auf 1.100 Einheiten pro Jahr hochgefahren, wobei die Engpässe vor allem in der Lieferung von Turbofan-Triebwerken und der gemeinsam genutzten Infrastruktur mit dem LRASM-Seezielflugkörper liegen. Raytheon strebt im Rahmen der im Februar 2026 unterzeichneten Rahmenverträge eine Steigerung der Tomahawk-Produktion auf über 1.000 Einheiten jährlich an. Die Precision Strike Missile (PrSM) Increment 1 wird von einem Ausgangsniveau von 152 Einheiten pro Jahr — der für 2026 geplanten Beschaffungsmenge — auf das festgelegte Vollproduktionsziel von 400 Einheiten jährlich hochgefahren. Ein neuer Sieben-Jahres-Rahmenvertrag ebnet den Weg zur Vervierfachung dieser Zahlen.

Am unteren Ende des Spektrums führte die Operation Epic Fury zum ersten operativen Einsatz von LUCAS, einer kostengünstigen Einweg-Angriffsdrohne, die der iranischen Shahed-136 oder der russischen Geran-2 ähnelt. Die kurzfristige Produktion dürfte auf mehrere hundert Einheiten pro Jahr ansteigen, wobei Tausende bei entsprechender Finanzierung sicherlich möglich wären.

Die kostengünstigen Marschflugkörper und das Blackbeard-Programm schließen die Mitte dieses Spektrums: Oberhalb von Einweg-Drohnen in Reichweite, Nutzlast und Geschwindigkeit, jedoch weit unterhalb des Stückpreises von JASSM-ER oder Tomahawk. Damit vervollständigen sie eine mehrschichtige Flugkörperarchitektur, die darauf ausgelegt ist, Volumen zu generieren, die Flugabwehr des Gegners zu überfordern und Operationen hoher Intensität über lange Zeiträume aufrechtzuerhalten, ohne die Flugkörperbestände zu erschöpfen.

Fazit

Wie bereits Ende 2025 prognostiziert, werden im Jahr 2026 mehrere europäische Staaten wahrscheinlich die Beschaffung von Mini-Marschflugkörperfähigkeit anstreben. Diese Einschätzung stützte sich auf den unverkennbaren Nutzen kostengünstiger Marschflugkörpersysteme und auf unausgeschöpfte industrielle Produktionskapazitäten in diesem Segment. Es sind jedoch die Vereinigten Staaten, nicht die Europäer, die nun als erste die Beschaffung entsprechender Flugkörpersysteme in großer Stückzahl eingeleitet haben.

Es lohnt sich zudem zu betonen, dass der aktuelle amerikanische Kapazitätsaufbau in einem Friedensszenario umgesetzt wird. Im Kriegsfall könnte die amerikanische Rüstungsindustrie realistischerweise Tausende von Hoch- und Niedrigkostflugkörpern pro Monat produzieren, möglicherweise begleitet von Zehntausenden Langstrecken-Drohnen. Verlässliche Zahlen zur chinesischen Flugkörperproduktion sind notorisch schwer zu erhalten. Wenn die aktuellen Aufrüstungsprogramme jedoch vollständig umgesetzt wird, sollte es die Vereinigten Staaten zumindest in eine wettbewerbsfähige Position gegenüber China im Bereich weitreichender Präzisionswaffen bringen.

Autor: Fabian Hoffmann ist Senior Research Fellow am Norwegian Defence University College. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Verteidigungspolitik, Flugkörpertechnologie und Nuklearstrategie. Der Beitrag erschien erstmalig am 19. Mai 2026 in englischer Sprache im „Missile Matters“ Newsletter auf Substack.