US-Streitkräfte richten sich auf autonome Kriegsführung und neue Technologiefelder aus

Kristóf Nagy

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Das Pentagon treibt die organisatorische und technologische Neuausrichtung der Streitkräfte mit zwei am 30. September 2026 veröffentlichten Vorhaben voran. US-Verteidigungsminister Pete Hegseth kündigte bei einer Rede auf der Marine Corps Base Quantico unter anderem die Aufstellung eines Autonomous Warfare Command sowie die Einsetzung von Project Meridian zur Untersuchung der Kriegführung der Zukunft an. Beide Vorhaben sollen die US-Streitkräfte auf eine zunehmend von unbemannten Systemen, künstlicher Intelligenz und ähnlichen Schlüsseltechnologien geprägte Kriegführung ausrichten.

Kern der organisatorischen Reform ist die geplante Aufstellung eines Autonomous Warfare Command. Nach den Vorgaben des am 30. September unterzeichneten Memorandums „Project Agincourt – Pathway to the Autonomous Warfare Command“ soll es sich um ein funktionales Combatant Command auf Vier-Sterne-Ebene handeln. Es soll künftig teilstreitkräfteübergreifend im Bereich der unbemannten und autonomen Kriegführung führen und die bereitgestellten Kräfte für die einzelnen geografischen Combatant Commands integrieren.

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Mit dem Aufbau des neuen Kommandos wurde der Direct Reporting Portfolio Manager for Unmanned Systems (DRPM-UxS) beauftragt. Das Vorhaben trägt den Namen Project Agincourt. Als Zieltermin für die Aufstellung nennt das Memorandum den 1. Oktober 2027. Für die Umsetzung sind allerdings teilweise gesetzgeberische Entscheidungen erforderlich. DRPM-UxS soll deshalb unmittelbar mit dem US-Kongress zusammenarbeiten.

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Das geplante Kommando soll über eigene Personal- und Budgetzuweisungen sowie Beschaffungsbefugnisse verfügen. Zudem sollen spezifische Laufbahnen für Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften im Bereich unbemannter und autonomer Systeme geschaffen beziehungsweise bestehende militärische Verwendungsreihen entsprechend angepasst werden.

Damit geht die Initiative über die reine Beschaffung zusätzlicher Drohnen hinaus. Das Pentagon will autonome Systeme organisatorisch als eigenständigen Bestandteil der Joint Force verankern. Die einzelnen Teilstreitkräfte sollen hierfür nach den Vorgaben des Memorandums unter anderem Vorschläge für neue oder angepasste Verwendungsreihen, Bewertungssysteme beziehungsweise vergleichbare Karrierefelder vorlegen. Parallel zum Aufbau des künftigen Kommandos soll DRPM-UxS ein neues Modell für die Entwicklung und Beschaffung unbemannter und autonomer Systeme erproben. Dabei sollen militärische Nutzer, Entwickler und Hersteller enger und in kürzeren Zyklen zusammenarbeiten. Systeme sollen unter realistischen und möglichst anspruchsvollen Umweltbedingungen erprobt, anschließend angepasst und bei nachgewiesener Eignung schnell skaliert werden.

Für die Leitung der DRPM-UxS wurden dem Memorandum zufolge Owen West und Max Strasiser vorgesehen. West, bislang Direktor der Defense Innovation Unit (DIU), soll als Chief Executive Officer fungieren. Strasiser, ein Senior Chief der U.S. Navy SEALs, soll als Chief Operating Officer tätig werden. Hegseth beschrieb die Konstruktion als eine „CEO-COO partnership“. Ein Vier-Sterne-Offizier soll später das Autonomous Warfare Command führen.

Innerhalb von 30 Tagen soll DRPM-UxS gemeinsam mit dem Chairman of the Joint Chiefs of Staff einen Plan of Action and Milestones (POAM) vorlegen. Darin sollen unter anderem operative Prioritäten, Beiträge der Teilstreitkräfte, Verantwortlichkeiten bei der Aufstellung der Kräfte, Ressourcenbedarf, erforderliche Befugnisse sowie Meilensteine für die Herstellung der Einsatzbereitschaft des neuen Kommandos festgelegt werden.

Hinter der Initiative steht eine grundlegende Neubewertung des bisherigen amerikanischen Beschaffungsansatzes. Das Memorandum argumentiert, dass die USA nach dem Ende des Kalten Krieges zunehmend auf eine geringe Anzahl hochkomplexer und entsprechend teurer Waffensysteme gesetzt hätten. Fortschritte bei der Rechenleistung ermöglichten inzwischen dagegen die Produktion präziser und vergleichsweise kostengünstiger Waffensysteme in großen Stückzahlen.

Das geplante Autonomous Warfare Command soll deshalb nicht nur Kräfte führen, sondern auch Ausrüstung und Einsatzkonzepte unter realistischen Bedingungen testen. Vorgesehen sind anspruchsvolle Übungen und Erprobungen in schwierigen Umgebungen. Systeme und Force Designs sollen dabei kurzfristig verändert und nur solche Lösungen in größerem Maßstab eingeführt werden, die sich unter diesen Bedingungen bewähren.

Project Meridian

Während Project Agincourt und das Autonomous Warfare Command auf die unmittelbare organisatorische und operative Integration autonomer Systeme zielen, soll Project Meridian einen deutlich weiter gefassten Blick auf die künftige Kriegführung ermöglichen.

Hegseth beauftragte dazu den Chief Technology Officer des Department of War, Emil Michael, mit der Einsetzung des Projekts über eine Partnerorganisation. Meridian soll zukünftige Gefechtsfelder untersuchen, daraus entstehende Fähigkeitslücken identifizieren und konkrete Vorschläge für Fähigkeiten und Technologien entwickeln, die künftig entwickelt, getestet und eingeführt werden müssen. Im Mittelpunkt stehen laut dem Memorandum unter anderem künstliche Intelligenz, Autonomie, gerichtete Energie, Robotik und Biotechnologie. Das Projekt soll dabei nicht bei einer strategischen Zukunftsanalyse stehen bleiben, sondern konkrete Maßnahmen zur Entwicklung, Erprobung und Einführung neuer Fähigkeiten vorschlagen.

Dabei soll Meridian ausdrücklich auf Expertise außerhalb des Pentagon zurückgreifen. Als Co-Leiter wurden Elon Musk, Palmer Luckey und der frühere Sprecher des US-Repräsentantenhauses Newt Gingrich benannt. Ergänzt werden soll das Führungsteam durch weitere Vertreter aus Technologie, Industrie, Wissenschaft, Politik und dem Bereich nationale Sicherheit. Musk bringt dabei insbesondere seine Erfahrungen aus dem Raumfahrt- und Technologiebereich ein, während Luckey als Gründer des Rüstungstechnologieunternehmens Anduril einen direkten Bezug zu autonomen und KI-gestützten militärischen Systemen besitzt. Die Einbindung von Vertretern der Privatwirtschaft ist damit ein wesentlicher Bestandteil des Konzepts.

Für Project Meridian ist ein vergleichsweise kurzer Bearbeitungszeitraum vorgesehen. Die Ergebnisse und Empfehlungen sollen nach dem Memorandum spätestens am 28. Januar 2027 vorliegen. Vorgesehen ist ein öffentlich zugänglicher, nicht eingestufter Bericht einschließlich eines geheim eingestuften Anhangs. Das Joint Staff und die Teilstreitkräfte sollen ihre eigenen Arbeiten zur Kriegführung der Zukunft mit Project Meridian verbinden. Das Projekt soll damit nicht ausschließlich eine externe Studie bleiben, sondern in die laufenden Planungs- und Forschungsaktivitäten des US-Kriegsministeriums eingebunden werden.

Nach Angaben des Ministeriums soll Meridian dabei die Entwicklung von Technologien über einen sehr breiten Zeitraum und über unterschiedliche Operationsräume hinweg betrachten. In der öffentlichen Vorstellung des Projekts wurde der Blick unter anderem von unterirdischen Operationsräumen bis in den cislunaren Raum, den Bereich zwischen Erde und Mond, erweitert.

Beide Projekte sind Teil eines von Hegseth am 30. September vorgestellten Pakets aus insgesamt sechs strategischen Initiativen. Neben dem Autonomous Warfare Command und Project Meridian gehören dazu unter anderem das Programm „FORTRESS America“ zur Steigerung der Resilienz militärischer Infrastruktur, der Aufbau einer neuen großen Militärbasis, ein neues Office of Religious Affairs sowie eine Erweiterung von Ausbildungs- und Offizieranwärterprogrammen.

Für die amerikanischen Streitkräfte zeichnet sich damit eine stärkere organisatorische Verankerung autonomer Systeme ab. Während die USA bislang vor allem einzelne Programme für Drohnen, Robotik und KI vorangetrieben haben, soll mit dem Autonomous Warfare Command erstmals eine zentrale funktionale Kommandostruktur für diesen Bereich entstehen. Gleichzeitig soll Project Meridian klären, welche technologischen Entwicklungen darüber hinaus die Anforderungen an Streitkräfte, Waffen und Einsatzführung verändern könnten.

Kristóf Nagy