Der Aufklärungs- und Wirkungsverbund ist derzeit eines der meistdiskutierten Themen der Bundeswehr-Streitkräfteplaner. Gemeint sind dabei aufeinander abgestimmte drohnengestützte Fähigkeiten, die feindliche Kräfte auch in der Tiefe des Raumes aufklären und bekämpfen können. Im englischen Sprachgebrauch werden diese Fähigkeiten als Recce-Strike bzw. Hunter-Killer bezeichnet. Im Ukraine-Krieg wird diese Fähigkeit bereits seit geraumer Zeit von beiden Kriegsparteien erfolgreich demonstriert. Seit einiger Zeit wohl auch mit in Deutschland produzierten Systemen, wie aus einem jüngst veröffentlichten Video der beiden Hersteller Quantum Systems und Stark hervorgeht. Das Video zeigt Ausschnitte eines Einsatzes ukrainischer Truppen, bei dem eine von Quantum Systems hergestellte Vector-Aufklärungsdrohne eine getarnte russische Panzerhaubitze in der Region Zaporizhzhia aufklärt, die dann im Anschluss durch eine Loitering Munition des Typs Virtus des Herstellers Stark bekämpft wird.
Die generelle Funktionsweise eines solchen drohnengestützten Hunter-Killer-Verbundes ist eigentlich selbsterklärend, gleichwohl sind in dem Video interessante Details zu erkennen, welche in der breiten Öffentlichkeit weniger, bis gar nicht bekannt waren. hartpunkt hatte zudem die Möglichkeit, mit Matthias Lehna (Quantum Systems) und Josef Kranawetvogl (Stark) über das Video, die Charakteristika einer erfolgreichen Hunter-Killer-Kombination sowie die Grenzen solcher Fähigkeiten – die weniger durch die Technik als durch den Feind definiert werden – zu sprechen. Zudem hatte hartpunkt die Möglichkeit, weiteres, nicht für die Veröffentlichung vorgesehenes Videomaterial, einzusehen, aus dem weitere Details des Einsatzes ersichtlich sind.
Beide Manager sind ehemalige Offiziere der Bundeswehr und innerhalb ihrer Unternehmen aktuell unter anderem für Geschäfte mit den ukrainischen Streitkräften zuständig, wofür sie auch – wie es in der Branche aktuell sehr oft der Fall ist – immer wieder in das Land reisen und auch Frontbesuche für einen direkten Informationsaustausch mit den Nutzereinheiten durchführen. Wie Kranawetvogl ausführt, wird die aus Vector und Virtus bestehende Hunter-Killer-Kombo seit Monaten dieses Jahres durch mehrere ukrainische Drohnenverbände eingesetzt.
Die genaue Zahl der gelieferten Systeme wollten weder Kranawetvogl noch Lehna nennen. Gleichwohl eröffnete der Stark-Manager, dass man derzeit eine anteilige Produktion und Entwicklung des Virtus in der Ukraine aufbaut, da man den Fußabdruck vor Ort für einen schnellen Austausch mit der Truppe als notwendig für eine erfolgreiche Zusammenarbeit erachtet.
Ukrainischer Hunter-Killer-Ansatz
Lehnas Ausführungen zufolge besteht die Idee hinter dem ukrainischen Hunter-Killer-Ansatz darin, dass kleine autark operierende Trupps mit einer geringen Signatur selbstständige Aufklärungs- und Bekämpfungsmissionen gegen feindliche Hochwertziele durchführen können, ohne dafür auf andere Kräfte bzw. Mittel oder die Freigabe einer übergeordneten Führung angewiesen zu sein. Wie Kranawetvogl weiter ergänzt, besteht ein solcher Hunter-Killer-Trupp zumeist aus einer Handvoll Soldaten, die mittels eines oder zweier Pick-Ups eine frontnahe Stellung beziehen und von dort mit der luftgestützten Aufklärung beginnen. Dazu wird die Aufklärungsdrohne unter Sicherung eines Schützen – als Mittel gegen eine mögliche FPV-Drohnenbedrohung – auf eine Freifläche verbracht und dann gestartet. Die Vector wird im Anschluss ins Feindgebiet navigiert, um sich dort auf die Suche nach lohnenden Zielen zu machen. In einem von den Firmen veröffentlichen Video von der Front wird durch die Vector- Drohne eine auffällige Fläche in einem Waldstück aufgeklärt.
Bei genauem Hinsehen ist ein herausragendes Rohr zu erkennen. Aufgeklärt wurde eine Panzerhaubitze, die sich in einer abgedeckten Stellung befunden hat. Daraufhin hat der Trupp selbstständig entschieden, die Virtus Loitering Munition zu starten und zum Einsatz gegen das Ziel zu bringen. Auch dieses System wurde unter Sicherung auf die Freifläche verbracht und dort ohne weitere notwendige Infrastruktur gestartet. Zuvor musste die Virtus mit einem Gefechtskopf „verheiratet“ werden. Was sich auf den ersten Blick nach unnötiger Zeitverschwendung anhört, ist den Ausführungen des Stark-Managers zufolge eher ein Feature als ein Bug. So kann die Truppe die Gefechtskopfladung nämlich exakt auf das aufgeklärte Ziel anpassen. Die Loitering Munition wird bspw. mit einem Hohlladungsgefechtskopf beladen, wenn gepanzerte Ziele bekämpft werden müssen. Werden hingegen ungeschützte Ziele angegriffen, sind Spreng-Splitter-Gefechtsköpfe besser geeignet.
Da in dem kompletten Operationsgebiet sowohl der Empfang von Funksignalen als auch des Navigationssignals gestört ist, wird die Virtus mittels einer Computer-Vision-basierten Wegpunktenavigation ins Zielgebiet gesteuert. Gesteuert ist dabei eigentlich kein hinreichend präziser Begriff, da weder die Aufklärungsdrohne noch die Loitering Munition von einem Bediener mittels Steuerungssignalen gesteuert werden müssen. Die Führung der Drohnen erfolgt mittels Erteilens von klickbasierten Kurzbefehlen in der entsprechenden Bedieneroberfläche. Lehna zufolge nutz der Hunter-Killer-Trupp dafür ein und denselben Laptop.

Um mit der Störung der Funksignale umgehen zu können, bedarf es eines weiteren Kniffs. Aufklärungsdrohne und Loitering Munition eines Hunter-Killer-Verbundes sollten über die gleichen Datenlinks verfügen, so dass die hochfliegende Aufklärungsdrohne neben der Aufklärungstätigkeit auch die Funktion eines Relais für die tief fliegende Loitering Munition übernehmen kann. Laut Kranawetvogl ist dies eines der wesentlichen Erfolgsfaktoren. Daher müssen beide Systeme aufeinander abgestimmt sein. Hier liegt einer der Vorteile, der engen Zusammenarbeit der beiden Unternehmen.
Im Zielgebiet angekommen, wird die Loitering Munition durch den Bediener auf das Ziel mittels Klicks auf das übertragene Bild grob eingewiesen, bis die an Bord befindliche KI aufschaltet und die Steuerung im Endzielanflug übernimmt. Die „Aufklärungsleistung“ der KI ist in diesem Zusammenhang beeindruckend. Das System ist in der Lage, in deutlicher Entfernung vom Zielobjekt auf den autonomen Zielanflug umzustellen. Hier ist zu bedenken, dass das erkennbare Ziel aus einem Rohr im Wald besteht und nicht aus einem Kampfpanzer auf Freifläche. Genau hierfür ist die Relaisfunktion der Aufklärungsdrohne wichtig, damit die Drohne durch den Bediener grob eingewiesen werden kann, sonst müsste die Loitering Munition bei gestörtem GPS-Empfang länger suchen, bis das Ziel erfasst ist. Und das ist ein Knackpunkt wie Kranawetvogl betont. „Man hat nur eine Chance für einen Anflug, also nur einen Versuch, danach schrillen beim Gegner die Alarmglocken und er ist weg“, gibt der ehemalige Bundeswehroffizier die Erfahrungen der Ukrainer wieder. Ihm zufolge wäre technisch sicherlich viel mehr machbar, aber die Umsetzbarkeit bestimmt der Gegner eben mit und mit zunehmender Verweildauer im Zielgebiet steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass die Loitering Munition entdeckt wird und das Ziel ausweicht oder sonstige Maßnahmen zum Schutz vor der Bekämpfung durch die Drohne ergriffen werden. Kranawetvogl scheut daher auch nicht zuzugeben, dass es auch Fehlversuche gibt. „Nicht jeder Strike ist erfolgreich“, so der Stark-Manager.
Was man in dem veröffentlichten Video nicht sieht, ist wie die Virtus die Panzerhaubitze zielgenau bekämpft, auch das Battle Damage Assessment durch die Aufklärungsdrohne Vector ist nicht zu sehen. Gleichwohl konnte beides durch hartpunkt anhand der Originalvideos eingesehen werden.

Bewertung
Die vorgeführte Mission zeigt deutliche Vorteile des Hunter-Killer-Ansatzes, so wie die ukrainischen Truppen diesen offenbar praktizieren. Der Hauptvorteil liegt in dem geringen Fußabdruck sowie der Konzentration aller benötigten Fähigkeiten – Aufklärung, Entscheidung und Wirkung – in einem Trupp. Diese Systematik ist eher mit dem infanteristischen Jagdkampf – bei dem Infanteriekräfte auftragsbezogen Feindziele im Hinterland aufklären und bekämpfen – zu vergleichen, als mit der Streitkräftegemeinsamen Taktische Feuerunterstützung, bei der Aufklärung, Entscheidung und Wirkung zumeist durch unterschiedliche Stellen erfolgen.
Der Ansatz hat aber auch seine „Grenzen“: Die Loitering Munition braucht deutlich mehr Zeit, um ein aufgeklärtes Ziel zu erreichen, als eine Artilleriegranate oder eine Rakete. Wobei ein Teil des Zeitnachteiles durch die schnelle Entscheidungsfindung im Trupp wettgemacht wird. Auch die Präzision des Drohnenangriffes ist höher. Mit einer Reichweite von bis zu 100 km haben die beiden im Video zu sehenden Systeme zudem einen enormen Reichweitenvorteil gegenüber der Rohrartillerie. Auch können Hunter-Killer-Trupps „verdeckter“ operieren, als dies der Artillerie möglich ist, insbesondere dann, wenn eine akute feindliche Drohnenbedrohung herrscht.
Systemsteckbriefe
Aufklärungsdrohne Vector
Bei der Vector handelt es sich um eine taktische „eVTOL fixed-wing“-Aufklärungsdrohne mit einer Fähigkeit, senkrecht starten und landen zu können. Seit der Markteinführung im Jahr 2020 wurde die Vector stetig weiterentwickelt – nicht zuletzt aufgrund von Erfahrungen, die im Ukraine-Krieg gesammelt wurden. Bei einer Spannweite von 2,80 m beträgt das maximale Abfluggewicht 8,5 kg. Die drei Hubtriebwerke werden elektrisch angetrieben. Für den Übergang in den Horizontalflug werden die Triebwerke um 90 Grad nach vorn geschwenkt. Den Marschflug übernimmt allein das Hecktriebwerk. Damit erreicht der Vector eine Höchstgeschwindigkeit von 70 km/h und je nach verwendeter Batterie eine Flugzeit von bis zu vier Stunden.
Die Aufklärungstiefe der Drohne soll Herstellerangaben zufolge abhängig von der genutzten Kommunikationstechnik bis zu 80 km betragen. Als Optronik-Paket kommt Quantum Systems zufolge ein Sensor vom Typ Raptor (8x IR, EO 40x Zoom + 2x digital + Laseroption) zum Einsatz.
Loitering Munition Virtus
Bei Virtus, auch bekannt als One Way Effector – Vertical oder OWE-V, handelt es sich um ein 2 m hohes Wirkmittel mit X-förmigen Flügeln mit einer Flügelspannweite von 1,8 m. An den Flügelspitzen befindet sich jeweils ein elektrisch angetriebener Propellerantrieb. Zudem verfügt die Strike-Drohne über ein Heckleitwerk mit vier kurzen, ebenfalls X-förmig angeordneten Flügeln. Das bis zu 30 kg schwere System (max. Abfluggewicht) kann nach Angaben von Stark mit einer modularen, bis zu 5 kg schweren Nutzlast bestückt werden und weist eine Flugzeit von 60 Minuten auf. Die Einsatzreichweite wird mit bis zu 100 km angegeben.
Die Reisegeschwindigkeit gibt Stark mit 120 km/h an, im Ziel-Endanflug soll die Virtus im Zuge eines Sturzfluges eine Geschwindigkeit von bis zu 250 km/h erreichen. Der Aufbau für den Einsatz der Strike-Drohne beträgt dem Unternehmen zufolge weniger als 10 Minuten.
Mehrere KI-gestützte Funktionen – GNSS-freie-Navigation, Objekterkennung, Tracking und eine automatische Ziel-Endanflug-Verfolgung – sowie ein gehärteter Datenlink sollen den Einsatz selbst unter widrigsten Bedingungen des elektronischen Kampfes sicherstellen. Stark gibt an, mit der Virtus selbst in GNSS-gestörter Umgebung bis auf 1 m genau wirken zu können.
Waldemar Geiger




















