Der französischen Verteidigungsministerin Catherine Vautrin zufolge verfügt Deutschland gegenwärtig nicht über die Fähigkeiten, um eigenständig ein Kampfflugzeug zu entwickeln. In einem Interview mit dem Sender Europe 1 vor zwei Tagen führte sie aus, dass es im Rahmen des Future Combat Air System (FCAS) um zwei Dinge gehe: Ein Flugzeug, das sie auch als Träger bezeichnete, sowie eine Combat Cloud. Die Diskussion mit Deutschland drehe sich um das Flugzeug und welche Eigenschaften dieses aufweisen solle. Frankreich habe drei Forderungen: Erstens die Einsatzfähigkeit ab 2040, zweitens das Gewicht, weil das Flugzeug von Fregatten eingesetzt werden solle und drittens die Exportierbarkeit. Die Ministerin verwechselte offenbar in der teils hitzigen Diskussion mit der Interviewerin Fregatten mit Flugzeugträgern.
Vautrin sagte kurze Zeit später, dass Deutschland im Augenblick nicht über die erforderlichen Kompetenzen verfügt, um eigenständig ein Kampfflugzeug zu bauen. Es gehe nun darum, mit Deutschland zu klären, wie das Flugzeug eingesetzt werde und wie man weiterkomme, so die Ministerin. In der Tat war Deutschland nach dem 2. Weltkrieg nur im Rahmen von Gemeinschaftsprojekten am Bau von Kampfflugzeugen wie dem Tornado oder dem Eurofighter beteiligt. Ob das Land über die notwendigen technischen und industriellen Kapazitäten dafür verfügt, ist deshalb eine offene Frage.
Aufgrund der Forderungen des französischen Flugzeugbauers Dassault, entgegen bisheriger Absprachen die Mehrheit der Wertschöpfung beim New Generation Fighter (NGF) zu übernehmen, stockt das FCAS-Vorhaben im Augenblick. So wurde die Industrie bereits im Dezember vergangenen Jahres aufgefordert, ein Angebot für die eigentlich für 2026 vorgesehene Phase II von FCAS vorzulegen. Aufgrund der Verwerfungen zwischen Dassault und Airbus Defence and Space über die Arbeitsteilung ist bislang jedoch noch nichts geschehen. Verteidigungsminister Boris Pistorius hatte wiederholt gesagt, dass die Probleme bis Jahresende gelöst werden sollen.
Die Ministerin, die erst seit einigen Wochen im Amt ist und während des Interviews an mehreren Stellen nicht sattelfest in der Thematik wirkte, wies im Zusammenhang mit FCAS auf die wichtige Frage des neuen Triebwerks für den NGF hin. Hier gehe es um den Bau und die Souveränität. Das seien anspruchsvolle und komplexe Fragen. Was sie damit sagen wollte, blieb unklar.
Wie es in Fachkreisen heißt, konnten sich Frankreich und Deutschland bislang nicht auf eine FCAS-Architektur und den NGF einigen. Da Frankreich eine Gewichtsbegrenzung des neuen Fighters für den Einsatz von Flugzeugträgern fordert und den Flieger ab 2040 in Dienst stellen will – wohl bereits im Rahmen der nuklearen Abschreckung – , fürchten Fachkreise in Deutschland, dass aufgrund des Zeitdrucks lediglich das existierende Rafale-Triebwerk weiterentwickelt werden könnte. Damit würde auch beim zweiten wichtigen FCAS-Pillar, dem Triebwerk, die Wertschöpfung und das Know-how im Wesentlichen bei Frankreich liegen.
Dagegen benötigt Deutschland aufgrund seiner geographischen Lage und den erwarteten Einsatzszenarien ein Kampfflugzeug mit großer Reichweite, das aus dem Westen der Republik ohne Luftbetankung an die Ostflanke der NATO zum Einsatz gebracht werden kann. Dies wiederum impliziert einen höheren Kraftstoffvorrat und eine stärkere Motorisierung. Da das Triebwerk demnach vom Flugzeugdesign abhängig ist, kann auch der FCAS-Pillar 2 nicht weitermachen, ohne eine finale Vorgabe zu haben. Dabei sollen die Hauptpartner Safran Aircraft Engines aus Frankreich und MTU Aero Engines aus Deutschland dem Vernehmen nach deutlich besser zusammenarbeiten als Airbus und Dassault.
Lars Hoffmann

















