Die finnischen Streitkräfte beschaffen die schultergestützte Panzerabwehrhandwaffe RGW110 von Dynamit Nobel Defence. Dies geht aus einer heutigen Mitteilung des finnischen Heeres hervor. Demnach werden RGW110 sowie dazugehörige Ausrüstung für die Ausbildung im Gesamtwert von etwa 85 Millionen Euro (ohne Mehrwertsteuer) beschafft, die ab 2027 an das finnische Heer geliefert werden sollen.
Nach Ansicht der finnischen Streitkräfte sind mehrere unterschiedliche Panzerabwehrmittel – von Minen über Panzer bis hin zu Flugkörpern und Drohnen – für eine effektive Panzerabwehr notwendig, die sich ergänzen und jeweils unterschiedliche Rollen übernehmen.
Die schwere Panzerfaust RGW110 bildet dabei die Nahbereichswaffe jeder Einheit gegen Kampfpanzer. „Sie ist nicht störanfällig und kann unabhängig von Licht- und Wetterbedingungen in verschiedenen Einsatzumgebungen eingesetzt werden – von Ballungszentren bis hin zu unterschiedlichen Geländebedingungen sowie bei Offensiv- und Defensivoperationen“, schreibt das finnische Heer. „Die Schussreichweite einer nicht zielsuchenden Munition ist relativ gering, doch das zerklüftete und waldreiche Gelände Finnlands gleicht dies aus. Die Panzerabwehrwaffe ist ein zuverlässiges Mittel, das von jeder Einheit eingesetzt werden kann, auch wenn mit anderen Waffen keine Wirkung erzielt werden kann“, heißt es in der Pressemitteilung weiter.
Die finnischen Streitkräfte verfolgen eigenen Angaben zufolge seit Jahrzehnten die Entwicklung von Kampfpanzern, sodass umfangreiche Informationen aus Forschung und Tests vorliegen. Zudem hätten Beobachtungen in der Ukraine gezeigt, dass frühere Einschätzungen zur Panzerung des Gegners zutreffend gewesen seien. Diese Informationen wurden im Rahmen des Beschaffungsprozesses für den Vergleich verschiedener Systeme und die Weiterentwicklung der Fähigkeiten genutzt. Panzerabwehrhandwaffen müssten nach finnischer Einschätzung in der Lage sein, die Panzerung eines Panzers zu durchschlagen und ihn innerhalb einer angemessenen Toleranz zu treffen. Der Gefechtskopf müsse zudem die reaktive Panzerung des Ziels überwinden können. Das Kaliber müsse dabei groß genug sein, um trotz starker Panzerung ausreichend Energie auf das Ziel zu übertragen. „Die verfügbaren Systeme wurden verglichen, und das System, das die Kriterien erfüllte, wurde an einem Ziel mit dem entsprechenden Panzerungswert getestet. Der Gefechtskopf wurde in Zusammenarbeit mit dem Hersteller weiterentwickelt, um eine angemessene Leistungsfähigkeit sicherzustellen“, geht aus der Pressemitteilung hervor.
RGW110
Bei der RGW110-Familie handelt es sich um den Nachfolger der seit Anfang der 1990er-Jahre in Nutzung befindlichen Panzerfaust 3. Neben Finnland hat sich Ungarn bereits 2022 für die Einführung der neuen Panzerabwehrhandwaffe entschieden.
Im Vergleich zur Panzerfaust 3 verfügt die RGW110-Familie über einen weiterentwickelten Gefechtskopf, der eine noch höhere Flexibilität bei der Zielbekämpfung bietet. So ist die schultergestützte Waffe in der Lage, modernste Kampfpanzer, aber auch Strukturen wie Gebäudesegmente und Feldbefestigungen zu zerstören. Die RGW110 HH-T soll Herstellerangaben zufolge zudem im Vergleich zur Panzerfaust 3 um mehr als 3 kg leichter sein und die präzise Zielbekämpfung auf eine Reichweite von bis zu 600 m ermöglichen. Zur Erhöhung der Trefferwahrscheinlichkeit kann ein Feuerleitvisier montiert werden.
Einem vom finnischen Heer veröffentlichten Bild zufolge wird Finnland die RGW110 mit einer Klappschenkeloptik – vermutlich mit dreifacher Vergrößerung – einführen, sodass die Waffe auch ohne Feuerleitvisier genutzt werden kann. Zudem erlaubt die auf die Visierlinie der Klappschenkeloptik abgestimmte Picatinny-Schiene die Montage von Rotpunktvisieren. Das Rotpunktvisier ermöglicht dann in Kombination mit der Nachtsichtbrille – deren Nutzung bei vielen Streitkräften zunimmt – die volle Nachtkampffähigkeit der RGW110, ohne dass zusätzliche Nachtsichtvorsatzgeräte genutzt werden müssen. Ob die finnischen Streitkräfte diese Kombination nutzen werden, ist jedoch nicht bekannt.
Waldemar Geiger


















