ArianeGroup in Gesprächen mit der Bundesregierung zu ballistischen Raketen

Lars Hoffmann

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Der europäische Raketenbauer ArianeGroup befindet sich nach eigenen Angaben in Vorgesprächen mit mehreren interessierten Ländern über die mögliche Entwicklung von landgestützten ballistischen Raketen mit Reichweiten von mindestens 1.000 Kilometern. Nach Aussage von Vincent Pery, dem Direktor des Militärprogramms der ArianeGroup, kann sein Unternehmen auch Raketen mit Reichweiten von 3.000 Kilometern und darüber hinaus entwickeln, je nach den Anforderungen von europäischen Kunden.

Wie er in der vergangenen Woche im Vorfeld der Münchener Sicherheitskonferenz vor Journalisten ausführte, befindet sich ArianeGroup auch in Vorgesprächen mit der deutschen Regierung zu dem Thema.

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Das Unternehmen, das auch die U-Boot-gestützte französische Atomrakte M51 herstellt und sich hälftig im Besitz von Airbus und Safran befindet, hatte bereits im Juni vergangenen Jahres auf der Paris Air Show zwei Modelle von taktischen ballistischen Raketen mit hoher Reichweite vorgestellt, die auch für den Einsatz als „Deep Precision Strike“-Waffe geeignet sein könnten. Es handelte sich bei den als Missile Balistique Theatre (MBT) bezeichneten Modellen um Konzeptentwürfe einer einstufigen sowie mehrstufigen Variante, die für die französischen Streitkräfte erstellt und diesen auch angeboten wurden. An diese Entwürfe knüpft offenbar die Präsentation in der vergangenen Woche in München an.  Nach Angaben von Pery würde die Entwicklung von neuen ballistischen Raketen wenige Jahre in Anspruch nehmen.

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Bislang scheint die Bundeswehr hinsichtlich der Deep-Strike-Fähigkeit in erster Linie an Marschflugkörper großer Reichweite zu denken. So wurde bereits im Sommer vergangenen Jahres die Beschaffung von amerikanischen Tomahawk-Marschflugkörpern beim Pentagon angefragt. Eine Antwort dazu steht bisher noch aus.

Gleichzeitig bemüht sich das Verteidigungsministerium um den Aufbau von eigenen Fähigkeiten, etwa im Rahmen des European Long Range Strike Approach (ELSA) zur Konstruktion von konventionellen Langstreckenwaffen großer Präzision. Zusammen mit Deutschland entwickle Goßbritannien eine Abstandswaffe mit einer Reichweite jenseits 2.000 Kilometern hatte das britische Verteidigungsministerium dazu im Mai vergangenen Jahres mitgeteilt. Details zur Technologie wurden allerdings nicht genannt.

Als ein vielversprechender Ansatz gelten sogenannte Hyperschallwaffen, die über Mach 5 fliegen und innerhalb der Atmosphäre komplexe Manöver ausführen können. Sie sind damit wesentlich schwerer abzufangen als ballistische Raketen auf ihrer Parabel-Flugbahn.

Beobachter gehen davon aus, dass Deutschland beim Thema Hyperschall eine nationale Fähigkeit anstreben dürfte. Eine Option für eine solche Waffe ist ein sogenanntes Hypersonic Glide Vehicle (HGV), also ein Hyperschall-Gleiter. Dieser wird von einer Trägerrakete entweder in die oberen Schichten der Atmosphäre oder gar in den Weltraum gebracht, dort ausgeklinkt und nähert sich dann mit Hyperschallgeschwindigkeit seinem Ziel.

Sollte die Entwicklung eines HGV tatsächlich von der Regierung als souveräne Aufgabe angesehen werden, da es sich um eine neue und besonders zukunftsträchtige Technologie handelt, wäre womöglich trotzdem noch Platz für Unternehmen wie ArianeGroup, die über Produktionsstätten in Deutschland verfügt.

Denn der Konzern könnte seine jahrzehntelange Expertise im Bau von Raketen einbringen. So hat ArianeGroup unter anderem die zivile Trägerrakete Ariane 6 entwickelt, die in ihrer größten Konfiguration mit vier Festtreibstoff-Boostern erst am Donnerstag 32 Internet-Satelliten ins All gebracht hat. Es ist jedoch anzunehmen, dass die deutsche Seite bei der militärischen Nutzung von ArianeSpace-Produkten Zugriff auf die Technologie und Lieferkette haben möchte, um sich nicht in Abhängigkeiten zu begeben. Dies wiederum dürfte die Zustimmung der französischen Regierung voraussetzen. Wie hartpunkt aus Unternehmenskreisen erfahren hat, untersucht ArianeGroup gegenwärtig die Möglichkeit, an einem ihrer deutschen Standorte die Produktion von Raketentreibstoff zu etablieren.

Sollte es tatsächlich zu einer solchen Produktion hierzulande kommen, könnte der Treibstoff womöglich sowohl für ballistische Langstreckenraketen, wie in München diskutiert, als auch für HGV-Trägerraketen genutzt werden, wobei beide Raketentypen unterschiedliche Größenparameter aufweisen.

Legt man die verfügbaren Informationen zur chinesichen Dongfeng-17, einer in Fachkreisen als leistungsfähig angesehenen Mittelstreckenrakte mit HGV-Oberstufe, zu Grunde, so weist diese einen Durchmesser von 1,4 bis 1,5 Metern auf. Dies ist erforderlich, um den voluminösen und schweren HGV mit seinen Steuerflächen aufzunehmen. Dagegen ist für eine ballistische Rakete großer Reichweite nach Expertenmeinung womöglich nur ein halb so großer Raketendurchmesser erforderlich. Bislang verfügt in Deutschland nach öffentlich verfügbaren Informationen lediglich die Bayern-Chemie, eine Tochter von MBDA Deutschland, über umfangreiche Expertise im Bau von Feststoffraketen. So hat das Unternehmen einen Raketenantrieb mit der Bezeichnung „RED KITE“ entwickelt, der sich auch für Hyperschallanwendungen nutzen ließe. Allerdings dürfte er nicht die Leistungsstärke aufweisen, um ein wie oben beschriebenes HGV aufzunehmen. Es bleibt damit abzuwarten, welchen Weg Deutschland bei Trägerkapazitäten für Hyperschallwaffen einschlagen wird.

Lars Hoffmann