Der US-Konzern Raytheon und MBDA Deutschland bauen gegenwärtig am bayerischen Standort Schrobenhausen eine Produktionslinie für Boden-Luft-Flugkörper des Typs GEM-T auf. Mehrere Länder, darunter Deutschland als größter Kunde, haben bislang 1.000 Exemplare dieser für das Luftverteidigungssystem Patriot vorgesehenen Flugkörper bestellt, die dort gefertigt werden sollen.
Bei dieser Bestellung dürfte es jedoch nicht bleiben. So sieht Joe DeAntona, Vice President, Requirements & Capabilities, Land & Air Defense Systems bei Raytheon, deutliche „Nachfragesignale“ aus der NATO und EU für die Bestellung weiterer GEM-T. Seinen Worten zufolge nutzen neun Länder in Europa das Patriot-System für die bodengebundene Luftverteidigung. Die zusätzliche Nachfrage werde zu einem großen Teil aus Schrobenhausen gedeckt, sagte der Manager.
Wie er vor wenigen Tagen im Interview mit hartpunkt erläuterte, arbeitet Raytheon eng mit der Nato Support and Procurment Agency (NSPA) zusammen, um einen gebündelten Vertrag für mehrere Kunden aufzusetzen. Dieses Vorgehen wurde bereits beim bestehenden Vertrag, der die Vorbedingung für den Aufbau der Produktionskapazitäten in Deutschland war, gewählt. „Wir werden den Produktionsprozess 2026 beginnen“, sagte DeAntona mit Blick auf das Vorhaben. Verlaufe alles nach Plan und funktioniere die Lieferkette werden die ersten Flugkörper seiner Aussage zufolge bereits 2028 aus Schrobenhausen kommen und an die Bundeswehr geliefert.
Neben der Nachfrage nach zusätzlicher Munition für Patriot gibt es offenbar auch in mehreren Staaten Interesse an weiteren Gesamtsystemen. So hat allein die Bundeswehr bislang acht neue Feuereinheiten bestellt und weist gut informierten Kreisen zufolge einen Bedarf von mindestens acht weiteren Feuereinheiten auf.
Nach Aussage von DeAntona sind die ersten im Rahmen des jüngsten deutschen Patriot-Vertrages aus dem Jahr 2023 georderten Komponenten bereits an den Kunden übergeben worden. „Im Dezember 2025 haben wir mit der Lieferung mehrerer wichtiger Endprodukte aus diesem Vertrag begonnen. Diese konzentrieren sich in erster Linie auf die Kommando- und Kontrollkomponenten des Patriot-Systems“, so der Manager. Im Jahr 2026 werden dann die Radargeräte, Abschussvorrichtungen und alles andere folgen. „Im Laufe der nächsten 18 Monate werden wir dann die restliche Hardware liefern, um unseren vertraglichen Verpflichtungen nachzukommen.“
Raytheon – das Unternehmen gehört zum RTX-Konzern – habe bereits interne Investitionszusagen an die wichtigsten Produktionsstätten in den USA gemacht, um eine wachsende Anzahl neuer Bodenausrüstung zu produzieren, sagte DeAntona. Gleichzeitig werde das Wissen und die Erfahrung der Patriot-Kunden genutzt, um wichtige Endprodukte des Systems außerhalb der USA herzustellen. So spiele beispielsweise Polen eine wichtige Rolle bei der Produktion der Launcher.
Dem Raytheon-Manager zufolge arbeiet sein Unternehmen mit Deutschland und vielen anderen europäischen Kunden zusammen, um zusätzliche Kapazitäten für die Fertigung zu evaluieren, zu bewerten und dann bereitzustellen. „Ich gehe daher davon aus, dass wir vermehrt solche Entwicklungen sehen werden, bei denen wir eher die wichtigsten Endprodukte liefern und mehr Komponenten, aus denen ein Patriot-System besteht, tatsächlich in den Ländern hergestellt und produziert werden, die Teil der Patriot-Familie selbst sind.“
Sollte sich die Bundeswehr in Zukunft für das neue Radar mit der Bezeichnung LTAMDS (Lower Tier Air and Missile Defense Sensor) von Rayteon entscheiden, das als Standard-Radar für Patriot vorgesehen ist, werde es dem deutschen Kunden zur Verfügung stehen, ist DeAltona überzeugt. Mittlerweile seien bereits mehrere Radare dieses Typs an die U.S. Army zur Prüfung und Zertifizierung ausgeliefert worden und die „Low Rate Initial Production“ habe begonnen. Einem Hochfahren der Produktion steht aus Sicht des Raytheon-Managers nichts entgegen.
Neben einer seit Jahrzehnten engen Kooperation mit MBDA Deutschland bei Patriot ist Raytheon jüngst auch eine Partnerschaft mit Diehl Defence eingegangen. Beide Partner wollen einen Plan zur gemeinsamen Produktion der Stinger-Boden-Luft-Flugkörper in Europa ausarbeiten. Dies sei ein weiteres Beispiel für das Engagement seines Unternehmens als transatlantischer Partner für Deutschland, sagte DeAntona. Zu weiteren Details wollte er sich nicht äußern. „Wir haben gerade erst die Vereinbarung unterzeichnet. Es gibt also noch viel zu tun. Unsere Ingenieure und unsere Programmverantwortlichen arbeiten alle zusammen. Es wäre daher verfrüht, Ihnen einen Termin zu nennen.“
Neben der Luftverteidigung und Raketenabwehr hat Raytheon auch ein Angebot bei der Abwehr von Drohnen aufgebaut – ein nach Aussage von DeAntona boomendes Geschäft. Die U.S. Army habe Raytheons Sensor- und Effektorlösung für die UAS-Abwehr ausgewählt. Das als LIDS (the Low, slow, small, unmanned aircraft Integrated Defeat System) bezeichnete System wurde laut DeAntona bereits im Kampf getestet. Es sei sowohl in Europa als auch im Nahen Osten eingesetzt worden. „Wir produzieren und entwickeln das LIDS-System nun sowohl für die USA als auch für unseren ersten internationalen Kunden im Nahen Osten.“
Es besteht neben dem C2-Systtem im Wesentlichen aus zwei Komponenten, die von Raytheon hergestellt werden: dem KuRFS-Radar und dem Coyote-Effektor. Es handele sich bei dem Effektor um eine kostengünstige Lösung mit einer kinetischen sowie einer nicht-kinetischen Variante. Beide Coyote-Varianten können laut DeAntona auch miteinander kombiniert werden, da sie denselben Werfer benutzen. Diese LIDS-Fähigkeit, bei der es sich um ein vom Kunden bereitgestelltes C2-System sowie den Sensor und den Effektor handele, ist nach Aussage des Raytheon-Managers nicht nur für durch Drohnen geschaffenen Herausforderungen der Gegenwart gewappnet. Es sei vielmehr so konzipiert, dass es sich an die Drohnenbedrohungen der nächsten Generation anpassen könne.
Lars Hoffmann














