Mit dem TAURUS (Target Adaptive Unitary and Dispenser Robotic Ubiquity System) verfügt die Bundeswehr über einen luftgestützten Marschflugkörper, der sich besonders für die Bekämpfung von verbunkerten und eingegrabenen Zielen eignet. Da der Bedarf der Bundeswehr für Abstandswaffen, sowohl was die Tiefe als auch die Breite des Arsenals angeht, gestiegen ist und der TAURUS seit mehreren Jahren nicht mehr produziert wird, erwarten Fachkreise seit längerem, dass die Produktion der Abstandswaffe wieder aufgenommen wird. Dann jedoch in einer leistungsgesteigerten Variante. Wie es nun aus gut unterrichteten Kreisen heißt, soll dazu in Kürze ein erster formaler Schritt vollzogen werden, indem Haushaltsmittel für die Vorbereitung einer Serienproduktion und eine Fähigkeitsanpassung des Marschflugkörpers freigegeben werden.
Kolportiert werden rund 400 bis 500 Millionen Euro, mit denen der Hersteller Taurus Systems GmbH – ein Joint Venture von MBDA Deutschland und Saab – sogenannte Langläuferteile beschaffen und so den Start der Serienproduktion parallel zur Weiterentwicklung des TAURUS zum TAURUS NEO vorbereiten kann. Als Langläuferteile gelten in der Rüstungsindustrie spezifische Grundstoffe sowie Systemkomponenten, die teilweise Lieferzeiten von ein bis zwei Jahren haben. Dazu zählen beispielsweise spezifische Sprengstoffe. Bis ein solcher modifizierter TAURUS fertigentwickelt und qualifiziert ist, dürften sicherlich zwei bis drei Jahre vergehen, so dass die Serienproduktion vermutlich erst zum Ende der Dekade hochlaufen kann.
Der TAURUS NEO selbst soll einen verbesserten Suchkopf erhalten sowie eine höhere Störfestigkeit – Navigation und Kommunikation – aufweisen. Zudem ist es offenbar ein erklärtes Ziel, die Reichweite der neuen Abstandswaffe gegenüber dem TAURUS zu steigern. Um dies zu erreichen, soll der TAURUS NEO dem Vernehmen nach ein neues, effizienteres Triebwerk mit vergleichbaren Leistungswerten zum aktuell genutzten Mantelstromtriebwerk erhalten. Dabei soll der Fokus gut informierten Kreisen zufolge nicht wie in Medien vor wenigen Monaten berichtet auf einem Triebwerk aus japanischer Produktion liegen, sondern auf einem Produkt aus Deutschland. Fabian Hoffmann, Doktorand am Oslo Nuclear Project an der Universität Oslo mit dem Fokus auf Flugkörperwesen, geht davon aus, dass auf Basis des technischen Fortschritts in der Antriebstechnologie der letzten beiden Jahrzehnte Effizienzgewinne von rund 15 Prozent realisierbar sein dürften. „Eine Reichweitensteigerung von 15 bis 20 Prozent ist wahrscheinlich durch ein treibstoffeffizienteres Triebwerk erreichbar. Alles darüber hinaus würde voraussichtlich größere strukturelle Anpassungen am Flugkörper erfordern“, so der Flugkörperexperte gegenüber hartpunkt.
Das derzeit im TAURUS verbaute P8300-15-Mantelstromtriebwerk des US-Herstellers Williams International gilt in Fachkreisen als besonders leistungsfähig. Im Internet zugänglichen Informationen zufolge entwickelt das Triebwerk in Bodennähe einen Schub von bis zu 6,67 kN und damit ein einzigartiges Schub-Gewichts-Verhältnis, welches für den extrem-bodennahen Konturflug des TAURUS essentiell ist. Zum Vergleich: Der französisch-britische Flugkörper SCALP EG bzw. Storm Shadow weist eine dem TAURUS vergleichbare Größe und Gewicht auf, während das zum Einsatz kommende Triebwerk Microturbo TRI 60 französischer Bauart öffentlich zugänglichen Informationen zufolge jedoch nur eine Schubkraft von 3,5 bis 5,3 kN entwickelt. Die Problematik am P8300-15, wenn man es als solche ansehen möchte, liegt im Herstellerland. Da es in den USA gefertigt wird, unterliegt es den US-amerikanischen Exportbestimmungen, die sich auch auf die Exportfähigkeit und Weitergabe des ganzen Marschflugkörpers auswirken.
Die Poleposition für die Entwicklung eines P8300-15-Ersatztriebwerkes hält offenbar die in Köln ansässige AeroDesignWorks GmbH (ADW), wie hartpunkt aus unterschiedlichen gut informierten Quellen vernehmen kann. Der Geschäftsführer der ADW bestreitet den Sachverhalt jedoch gegenüber hartpunkt. Bei ADW handelt es sich um eine Ausgründung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), die sich bislang offenbar auf die Entwicklung und Optimierung von Turbomaschinenkomponenten und strömungsmechanischen Systemen sowie die Herstellung von kleinen Turbojettriebwerken für zivile Anwendungen spezialisiert hat.
Waldemar Geiger
Der Beitrag wurde im letzten Abschnitt aktualisiert, nachdem ADW ein schriftliches Dementi zugeschickt hat.














