Der Marschflugkörper Taurus gilt seit seiner Einführung als die mit Abstand leistungsfähigste Abstandswaffe im Arsenal der Bundeswehr. Seit Beginn der Debatte über das Für und Wider einer möglichen Lieferung an die Ukraine ist der Taurus zudem zu einer politisierten Waffe geworden. Seit diesem Zeitpunkt ist es weder der ehemaligen Ampel-Regierung noch der aktuellen schwarz-roten Koalition gelungen, der Öffentlichkeit stichhaltig zu erklären, wieso die als besonders potent beschriebene Waffe einerseits nicht an die Ukraine geliefert werden konnte, andererseits aber der überfällige Fähigkeitserhalt der vorhandenen Flugkörper über Jahre hinweg verschleppt und auf eine Aufstockung der Taurus-Bestände gänzlich verzichtet wurde. Dies soll sich offenbar bald ändern. hartpunkt vorliegenden Informationen zufolge, beabsichtigt die Bundeswehr, in den nächsten Monaten einen Vertrag zur Beschaffung zusätzlicher Taurus-Flugkörper zu schließen.
Das Bundesministerium der Verteidigung wollte dies auf Anfrage von hartpunkt nicht bestätigen. Auf die Frage, ob in den deutschen Streitkräften einen Bedarf für zusätzliche Marschflugkörper des Typs Taurus existiert und ob dieser Bedarf in Kürze gedeckt werden soll, erklärte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums lediglich: „Wir informieren über Beschaffungsvorhaben der Bundeswehr nach erfolgter parlamentarischer Befassung über unsere bekannten Kanäle (z.B. PM, bmvg.de, bundeswehr.de). Wir bitten um Verständnis, dass wir zu internen Details der Fähigkeitsplanung aus Gründen der operativen Sicherheit keine Auskünfte geben können.“
Der 1,4 Tonnen wiegende Taurus-Flugkörper hat nach Angaben des Herstellers eine Reichweite von über 500 km und ist mit einem rund 450 kg schweren Gefechtskopf bestückt, welcher gut 100 kg Explosivstoff enthält. Die Bundeswehr hat öffentlich zugänglichen Informationen zufolge im Zeitraum 2005 bis 2010 insgesamt 600 Taurus-Marschflugkörper für die Bewaffnung ihrer Tornado-Kampfflugzeuge beschafft. Beim Eurofighter ist die angestrebte Integration noch nicht abgeschlossen.
Die Absicht der Bundeswehr ist es, den Taurus bis mindestens Mitte der 2040er-Jahre zu nutzen. Um dies zu erreichen, hat das Bundeswehr-Beschaffungsamt BAAINBw Ende 2024 mit dem Hersteller Taurus Systems GmbH – ein Joint Venture von MBDA Deutschland und Saab – einen Vertrag zur Wartung und Modernisierung der Abstandswaffe (Generalüberholung 2) geschlossen, der die Einsatzfähigkeit des Taurus bis mindestens 2045 sicherstellen soll.
Die Generalüberholung allein wird dem Vernehmen nach jedoch nicht reichen, den Bedarf der Bundeswehr für die Waffe zu decken. Wie es aus gut informierten Kreisen heißt, gab es bereits in der vergangenen Legislaturperiode Bestrebungen, weitere Taurus-Flugkörper für die Bundeswehr zu beschaffen. Diese Pläne konnten aber aufgrund von unzureichenden Haushaltsmitteln nicht realisiert werden.
Mit der Entkopplung der Verteidigungsausgaben von der Schuldenbremse und der voraussichtlichen Billigung des Haushaltes für 2025 nach der parlamentarischen Sommerpause dürfte dieser Zustand der Vergangenheit angehören. Wie gut unterrichtete Kreise gegenüber hartpunkt bestätigen, soll daher Ende 2025 bzw. spätestens Anfang 2026 eine „substanzielle“ Anzahl an neuen Taurus-Marschflugkörpern für die Bundeswehr beschafft werden. Auch wenn sich niemand über konkrete Stückzahlen äußern möchte, gehen Beobachter davon aus, dass die stillgelegte Taurus-Produktionslinie nicht für eine zweistellige oder geringe dreistellige Anzahl an Flugkörpern reaktiviert werden dürfte. Kolportiert werden daher Stückzahlen, die sich in einem hohen dreistelligen bzw. sogar vierstelligen Bereich befinden. Das Nachrichtenmagazin „DER SPIEGEL“ berichtete bereits im Oktober 2024, dass die Bundeswehr für rund 2,1 Milliarden Euro insgesamt 600 Marschflugkörper des modernisierten Typ Taurus NEO beschaffen möchte. Bei dem NEO soll es sich um einen weiterentwickelten und obsoleszenzbereinigten Taurus-Flugkörper handeln, der über modernere Sensorik- und Navigationssysteme verfügen soll.
Neben Deutschland soll auch Schweden Interesse an der Beschaffung eines solchen Taurus haben. So geht aus offiziellen Dokumenten der schwedischen Regierung hervor, dass eine anfängliche Einsatzfähigkeit (IOC) des Taurus-Waffensystems für schwedische Kampfflugzeuge des Typs JAS-39C Gripen für 2028 erwartet wird, während die Integration auf die JAS-39E Gripen zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen soll. Schweden hat bis jetzt keinen Taurus beschafft. Ende Februar erschienene Medienberichte in Schweden deuten jedoch darauf hin, dass die schwedische Beschaffungsbehörde Försvarets materielverk (FMV) vom Verteidigungsministerium mit der Beschaffung des Flugkörpers beauftragt wurde. Seitdem herrscht diesbezüglich Funkstille. Dies könnte womöglich auch mit einem deutschen Zögern – begründet durch die aktuell geltende vorläufige Haushaltslage – erklärt werden. Beobachter gehen davon aus, dass internationale Bestellungen des Taurus erst in Kombination mit einer Bundeswehrbestellung erfolgen werden, da man nur so auf adäquate Stückzahlen kommt, die die Reaktivierung der Produktionslinie beim Hersteller rechtfertigen würden.
Waldemar Geiger














