TAURUS NEO – Beschaffung läuft über die OCCAR

Waldemar Geiger

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Die zukünftige Beschaffung der modernisierten Abstandswaffe TAURUS NEO – die Abkürzung steht für Target Adaptive Unitary and Dispenser Robotic Ubiquity System New Enhanced Operational capability – wird als gemeinsames Beschaffungsprojekt mehrerer verbündeter Partnerländer unter dem Dach der europäischen Rüstungsagentur OCCAR erfolgen. Dies geht aus einer heute veröffentlichten Mitteilung des Bundeswehr-Beschaffungsamtes BAAINBw auf dem WhatsApp-Kanal des Amtes hervor.

Wie es von Seiten des BAAINBw weiter heißt, wurde heute zudem ein Vertrag mit dem Hersteller Taurus Systems GmbH – ein Joint Venture von MBDA Deutschland und Saab – über die Vorbereitung einer Fertigungslinie für die Serienproduktion des neuen Marschflugkörpers TAURUS NEO geschlossen.

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Gut informierten Kreisen zufolge soll der Haushaltsausschuss des Bundestages gestern dafür rund 450 Millionen Euro freigegen haben, etwa 415 Millionen davon für die Vorbereitung der Serienproduktion, der Rest für die Weiterentwicklung der Abstandswaffe. Mit den Mitteln sollen von dem Hersteller unter anderem sogenannte Langläuferteile beschafft werden. Als Langläuferteile gelten in der Rüstungsindustrie spezifische Grundstoffe sowie Systemkomponenten, die teilweise Lieferzeiten von ein bis zwei Jahren haben. Dazu zählen beispielsweise spezifische Sprengstoffe.

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Der TAURUS NEO wird dem BAAINBw zufolge über gesteigerte Leistungsdaten verfügen und zugleich elementarer Bestandteil der deutschen Abschreckungsfähigkeit sein. Dafür wird das Waffensystem zukünftig auf dem Eurofighter integriert. Mit dem TAURUS NEO „können verbunkerte und eingegrabene Ziele sowie sogenannte Hochwertziele in hunderten Kilometern Entfernung präzise bekämpft werden, da der Flugkörper sein Ziel selbstständig findet und zerstört. So müssen Pilotinnen und Piloten nicht in den feindlichen Luftraum eindringen“, schreibt das BAAINBw. Beobachter gehen davon aus, dass eine modernisierte Variante des TAURUS eine theoretische Flugreichweite von rund 1.000 km haben könnte.

Internationale Beschaffung des TAURUS NEO

Der internationale Bedarf an dem Flugkörper dürfte in den nächsten Jahren bei mindestens rund 1.000 Flugkörpern liegen.

So berichtete das Nachrichtenmagazin „DER SPIEGEL“ bereits im Oktober 2024, dass die Bundeswehr für rund 2,1 Milliarden Euro insgesamt 600 Marschflugkörper des modernisierten Typs TAURUS NEO beschaffen möchte. Neben Deutschland soll auch Schweden Interesse an der Beschaffung der Waffe haben. So geht aus offiziellen Dokumenten der schwedischen Regierung hervor, dass eine anfängliche Einsatzfähigkeit (IOC) des TAURUS-Waffensystems für schwedische Kampfflugzeuge des Typs JAS-39C Gripen für 2028 erwartet wird, während die Integration auf die JAS-39E Gripen zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen soll. Schweden hat bis jetzt keinen TAURUS beschafft. Ende Februar erschienene Medienberichte in Schweden deuten jedoch darauf hin, dass die schwedische Beschaffungsbehörde Försvarets materielverk (FMV) vom Verteidigungsministerium mit der Beschaffung des Flugkörpers beauftragt wurde. Seitdem herrscht diesbezüglich Funkstille.

Ende August 2025 wurde zudem bekannt, dass auch Spanien an einer neuen TAURUS-NEO-Beschaffung interessiert ist. „Ich freue mich sehr, dass Spanien erklärt hat, sich an der Beschaffung der nächsten Generation von Lenkflugkörpern, dem TAURUS-NEO, zu beteiligen“, erklärte Verteidigungsminister Boris Pistorius am 28. August während des Besuchs seiner spanischen Amtskollegin Margarita Robles in Berlin.

Ob es weitere Interessenten für den Kauf des TAURUS NEO gibt, ist derzeit öffentlich nicht bekannt.

TAURUS NEO

Der TAURUS NEO selbst soll gut informierten Kreisen zufolge einen verbesserten Suchkopf erhalten sowie eine höhere Störfestigkeit – Navigation und Kommunikation – aufweisen. Zudem ist es offenbar ein erklärtes Ziel, die Reichweite der neuen Abstandswaffe gegenüber dem TAURUS zu steigern. Genau Details dazu sind jedoch nicht bekannt. Gleichwohl lassen sich aus der Logik der vorgesehenen Zeitlinien für den Zulauf der Flugkörper sowie die technische Entwicklung der vergangenen zwanzig Jahre einige Aspekte des TAURUS NEO herleiten.

Flugzelle

Ein erster Aspekt des Flugkörpers kann bereits aus dem Namen abgeleitet werden. Der Umstand, dass der Flugkörper nicht TAURUS 2 oder einen gänzlich anderen Namen bekommen hat, deutet Beobachtern zufolge auf einen gewissen Konnex zwischen dem TAURUS und TAURUS NEO hin. So gehen gut informierte Kreise davon aus, dass sich der NEO äußerlich von dem „Ur-TAURUS“ kaum unterscheiden wird. Dies hat mehrere Gründe.

Der wohl wesentlichste Grund liegt in der Qualifizierung von Flugkörpern auf die jeweiligen Trägersysteme. Wenn das Air-Frame des Flugkörpers nicht geändert wird, können langwierige Flugtests etc. entfallen, weil der neue Flugkörper die gleichen Auswirkungen auf die Flugeigenschaften des Trägerflugzeuges aufweist, wie das Vorgängermodell. Die Nutzung des „alten“ Flugkörperzellendesigns würde somit in einer deutlich schnelleren operativen Verfügbarkeit des Waffensystems resultieren, als es bei einer kompletten Neuentwicklung möglich wäre.

Da der Air-Frame des klassischen TAURUS von Anfang an auf „Low Observability“ ausgelegt worden ist, dürfte der Handlungsdruck für eine Modernisierung dieser Komponente ohnehin vergleichsweise gering sein.

Überlebens- und Durchsetzungsfähigkeit

Zugutekommen dürfte auch der Umstand, dass der Flugkörper-Air-Frame über signifikante Raumreserven verfügt, die für zusätzliche Ausrüstung reserviert waren, die bei Telemetrie-Tests bzw. für die Einhaltung der Sicherheitsmaßnahmen für Schießvorhaben mit dem TAURUS auf Übungsplätzen notwendig sind.

Vorschriften sehen es beispielsweise vor, dass die Schießleitung über eine ständige Telemetrie-Verbindung zum Flugkörper verfügen muss, um den Abbruch eines Fluges aus Sicherheitsgründen jederzeit erzwingen zu können. Diese Telemetrie-Ausrüstung wird ausschließlich für Übungszwecke eingerüstet, im scharfen Einsatz steht der Bauraum theoretisch für andere Systeme zur Verfügung.

Hier hat der Hersteller bereits in der Vergangenheit vorgeschlagen, den Bauraum für die Einrüstung von Düppel- und/oder Flares-Werfern bzw. im elektromagnetischen Spektrum wirkende Täuschkörper zu nutzen. Würde dieser Aspekt bei der Entwicklung des TAURUS NEO tatsächlich umgesetzt, könnte die Überlebensfähigkeit des Flugkörpers noch weiter gesteigert werden. Insbesondere in der finalen Pop-up-Phase, wo  sich der Flugkörper den feindlichen Luftverteidigungssystemen deutlich stärker exponieren muss, könnten die Selbstschutzsysteme für eine höhere Überlebens- und somit auch höhere Durchsetzungsfähigkeit sorgen.

Navigation

Den größten Entwicklungssprung der letzten Jahrzehnte gab es auf dem Feld der Elektronik. Rechenleistungen, die noch vor wenigen Jahren nur durch große und sperrige Computer erbracht werden konnten, sind heute auf dem Smartphone verfügbar. Es gilt in Fachkreisen daher als gesichert, dass der TAURUS NEO über eine leistungsfähigere Elektronik auf dem aktuellen Stand der Technik verfügen wird.

Diese Elektronik dürfte in Kombination mit modernerer Sensorik – der Hersteller hat bereits in den 2010er Jahren eine Anpassung des Infrarotsuchkopfes auf einen neueren Stand vorgeschlagen – sowohl die TRN- und IBN-basierten Navigationssysteme spürbar verbessern und auch die Rechenschritte innerhalb des Flugkörpers – moderne Flugkörper sind fliegende Rechnersysteme – beschleunigen, beispielsweise im Bereich der Bildverarbeitung. Die modernere IT-Infrastruktur dürfte zudem die Missionsplanung vereinfachen und beschleunigen.

Wirkung

Der aktuelle Gefechtskopf des TAURUS gilt auch über 20 Jahre nach der Entwicklung als der leistungsfähigste seiner Klasse. Beobachter gehen daher nicht davon aus, dass beim TAURUS NEO wesentliche Änderungen an der Gefechtskopfarchitektur vorgenommen werden.

Antrieb

Dem Vernehmen nach gilt es als gesichert, dass eine kurzfristige Beschaffung des TAURUS NEO nur mit dem aktuell genutzten P8300-15-Mantelstromtriebwerk des US-Herstellers Williams International möglich sein wird. Das Triebwerk gilt als besonders leistungsfähig. Im Netz zugänglichen Informationen zufolge entwickelt das Triebwerk in Bodennähe einen Schub von bis zu 6,67 kN und damit ein einzigartiges Schub-Gewichts-Verhältnis, welches für den extrem-bodennahen Konturflug des TAURUS essentiell ist. Zum Vergleich: Der französisch-britische Flugkörper SCALP EG bzw. Storm Shadow weist eine dem TAURUS vergleichbare Größe und Gewicht auf, das zum Einsatz kommende Triebwerk Microturbo TRI 60 französischer Bauart entwickelt öffentlich zugänglichen Informationen zufolge jedoch nur eine Schubkraft von 3,5 bis 5,3 kN.

Die Problematik am P8300-15, wenn man es als solche ansehen möchte, liegt im Herstellerland. Da es in den USA gefertigt wird, unterliegt es den US-amerikanischen Exportbestimmungen, die sich auch auf die Exportfähigkeit und Weitergabe des ganzen Marschflugkörpers auswirken.

Gut unterrichtete Kreise gehen daher davon aus, dass parallel an der Entwicklung eines Alternativtriebwerks aus deutscher Fertigung gearbeitet wird, hartpunkt berichtete dazu bereits vor rund einer Woche. Ein solches Triebwerk könnte – nachdem es fertigentwickelt und qualifiziert ist – das P8300-15 ersetzen. Dies wird jedoch sicherlich mehrere Jahre in Anspruch nehmen.

Waldemar Geiger