Marschflugkörper: Dänemark beschafft Anthem und Joint Strike Missile

Thomas Lauge Nielsen

Anzeige

Die dänischen Streitkräfte beschaffen Langstrecken-Marschflugkörper, um die nationale und die kollektive Abschreckungsfähigkeit der NATO zu stärken. Dies gab der dänische Verteidigungsminister Jeppe Bruus am 22. Oktober 2026 auf einer Pressekonferenz bekannt.

Den Angaben auf der Pressekonferenz zufolge wurden die Verträge für die Marschflugkörper bereits unterzeichnet. Aus Sicherheitsgründen wurden jedoch keine Angaben zu Stückzahlen, Preisen oder Lieferterminen gemacht. Als einziger Hinweis wurde genannt, dass einer der Gründe für die Wahl dieser spezifischen Wirkmittel darin liege, dass sie relativ schnell und zu wettbewerbsfähigen Preisen geliefert werden könnten. Die Beschaffung erfolgt auf Empfehlung des dänischen Generalstabschefs und umfasst zwei Flugkörpertypen.

Anzeige

Der erste ist die Joint Strike Missile (JSM), die vom norwegischen Unternehmen Kongsberg Defence & Aerospace und dem US-amerikanischen Unternehmen Raytheon Missiles & Defense entwickelt wurde. Der Flugkörper ist für den Einsatz aus den internen Waffenschächten der F-35-Kampfflugzeuge der dänischen Luftwaffe vorgesehen. Die JSM weist einen geringen Radarquerschnitt auf, ist vier Meter lang und wiegt 416 kg einschließlich eines 120 kg schweren Gefechtskopfes.

Anzeige

Die Reichweite wird bei hohen Unterschallgeschwindigkeiten mit mehr als 350 km angegeben. Die Lenkung erfolgt über eine Kombination aus GPS, Trägheitsnavigation und Geländevergleich. Zudem nutzt der Flugkörper passive Sensoren. Er ist zur autonomen Zielerkennung fähig und verfügt über eine bidirektionale Datenverbindung, über die Missionsdaten auch nach dem Start aktualisiert werden können.

Die Entscheidung Dänemarks für die JSM ist nachvollziehbar, da der Flugkörper von Kongsbergs Naval Strike Missile (NSM) abgeleitet ist. Diese hat Dänemark bereits für die Küstenverteidigung und zur Bewaffnung der Fregatten der dänischen Marine beschafft, wie hartpunkt berichtete.

Bei dem zweiten Flugkörpertyp handelt es sich um den bodengestützten Marschflugkörper Anthem. Die für Dänemark vorgesehenen Flugkörper sollen in Leipzig produziert werden, wo der Hersteller Covenant Industries derzeit eine Produktionsstätte errichtet. Der Anthem ist auf niedrige Kosten und eine hohe Produzierbarkeit ausgelegt, um in großen Stückzahlen geliefert werden zu können.

Abgesehen davon wurden bislang nur wenige konkrete Informationen über den Flugkörper veröffentlicht. Berichten zufolge soll er jedoch eine Reichweite von mehr als 1.000 km und eine Nutzlast von 200 kg haben. Bilder des Flugkörpers deuten darauf hin, dass er über einen Strahlantrieb verfügt und eine vergleichsweise einfach konstruierte Flugzeugzelle aufweist.

Bemerkenswert an der Entscheidung für den Anthem ist, dass Dänemark sich traditionell auf bewährte, serienreife Lösungen für seinen Verteidigungsbedarf konzentriert hat, während der Anthem bislang noch nicht als erprobt gilt.

Die dänische Flugkörperbeschaffung sendet sowohl an Dänemarks Verbündete als auch an Russland ein Signal. Es überrascht daher nicht, dass der russische Botschafter in Dänemark, Wladimir Barbin, bereits Stellung bezogen hat. Er erklärte, Dänemarks derzeitige Politik „beruhe auf einem Kurs der Konfrontation und der Vorbereitung auf einen möglichen Konflikt mit Russland“. Seiner Aussage zufolge sei es zudem eine „gefährliche Illusion“, zu glauben, dass offensive Präzisionswaffen eine militärische Bedrohung für eine Atommacht darstellen könnten.

Es ist zu erwarten, dass die neue Flugkörperbeschaffung in Dänemark politisch umstritten sein wird. Die dänische Militärplanung war traditionell auf die Verteidigung ausgerichtet – im Wesentlichen darauf, „den Feind an der Grenze aufzuhalten“. Die neue Fähigkeit, bei Bedarf auch Angriffe auf das Hinterland eines Gegners führen zu können, stellt einen Bruch mit dieser Ausrichtung dar. Dem lässt sich allerdings entgegenhalten, dass die jüngsten Konflikte die Bedeutung einer solchen Fähigkeit zur Bekämpfung von Zielen in der Tiefe verdeutlichen.

Thomas Lauge Nielsen