Der deutsche Drohnenhersteller Quantum Systems will langfristig zu einem europäischen Prime-Rüstungsanbieter aufsteigen und prüft zur Umsetzung dieses Ziels Übernahmen anderer Unternehmen. Wie Gründer und CEO Florian Seibel gestern am Rande einer Vorführung seines Unternehmens auf einem mitteldeutschen Übungsgelände sagte, betrachte Quantum Systems unter anderem Geschäftsmöglichkeiten in den Bereichen weitreichende Wirkung und Weltraum.
Das Unternehmen will durch weitere Übernahmen seine technologischen Fähigkeiten und seine industrielle Basis erweitern. „Wir schauen uns ganz intensiv das Thema Space an, wir schauen uns das Thema Strike an“, sagte Seibel vor Journalisten. Das Spektrum möglicher Zukäufe reiche von Herstellern einzelner Komponenten über Motoren- und Propellerproduzenten bis hin zu Softwareunternehmen.
Man werde in den nächsten Monaten sicherlich ein paar Firmen näher betrachten, kündigte Seibel an. Angesichts des derzeit stark umkämpften Übernahmemarktes sei allerdings abzuwägen, ob sich eine Fähigkeit durch einen Zukauf schneller aufbauen lasse als durch eine Eigenentwicklung. „Buy or build“ sei dabei die entscheidende Frage. Der Manager wies darauf hin, dass potenzielle Übernahmekandidaten mitunter sehr hohe Erwartungen an ihre Unternehmensbewertungen hätten.
Im Bereich Raumfahrt gebe es einen erheblichen Engpass bei den Launch-Kapazitäten. Zum Aufbau europäischer Weltraumfähigkeiten gehöre aus seiner Sicht auch ein wettbewerbsfähiger und kostengünstiger Zugang ins All. Seibel zufolge werde es künftig auch um die Entwicklung von im Weltraum stationierten Waffen gehen. „Wir werden Space-based Weapons haben, also Waffenstationen, die im All hängen“, sagte er.
Er warnte in diesem Zusammenhang vor einer zu großen Abhängigkeit von ausländischen Anbietern satellitengestützter Dienste wie etwa Starlink. Wenn ein solches System nicht mehr verfügbar sei, könne dies erhebliche Auswirkungen auf die militärische Operationsführung haben, wie das Beispiel Ukraine zeige.
In Europa gebe es das technische Know-how für wichtige Komponenten. Auch Batterien würden mittlerweile hier gefertigt, sagte Seibel mit Blick auf das Thema Souveränität. Um die Sicherheit der Lieferketten zu gewährleisten, müssten jedoch noch Engpässe bei bestimmten Vorprodukten, etwa bei Spezialchemikalien und Halbleitern, beseitigt werden.
Großauftrag aus der Ukraine für Drohnenabwehr
Unmittelbare Bedeutung für das operative Geschäft hat nach Seibels Angaben ein neuer Auftrag aus der Ukraine. Erst zwei Wochen vor der Veranstaltung habe Quantum Systems bei einem Besuch in dem Land einen Auftrag über „mehrere Zehntausend“ Abfangsysteme erhalten, die zur Bekämpfung russischer Geran-5-Drohnen eingesetzt werden sollen. Das Unternehmen arbeite daran, die Produktion so schnell wie möglich hochzufahren.
Die Systeme sollen diese vergleichsweise schnellen russischen Einweg-Angriffsdrohnen abfangen können. Die Geran-5 erreicht nach Seibels Angaben eine Spitzengeschwindigkeit von etwa 550 km/h. Ein bei der Veranstaltung vorgeführter elektrischer Drohnen-Demonstrator erreichte dagegen nach Unternehmensangaben rund 777 km/h. Dies ist ein neuer inoffizieller Weltrekord. Der für einen offiziellen Weltrekord erforderliche zweite Flug der sogenannten Apex-Recordhunter-Drohne zur Bestätigung konnte jedoch nicht stattfinden, weil der Kontakt abbrach.
Diese hohe Geschwindigkeit sei allerdings nicht für das reguläre Serienprodukt vorgesehen. Vielmehr gehe es darum, die demonstrierten Fähigkeiten mit möglichst geringem Aufwand in die Serienentwicklung zu übertragen. „Wir können die Technologie von diesem System in unsere regulären Produkte übernehmen und dann sind vielleicht 600, 650 km/h genug“, sagte Seibel.
Die Entwicklung der Abfangsysteme steht exemplarisch für den Ansatz des Unternehmens, technologische Neuerungen unter Einsatzbedingungen möglichst schnell zu erproben und weiterzuentwickeln. Seibel verwies auf die fortlaufende Anpassung von Angriffsmitteln und Abwehrsystemen im Ukraine-Krieg. „Es ist ein ständiges Weiterentwickeln der Technologie. Russland entwickelt etwas, die Ukraine kontert es, und dann beginnt das Katz-und-Maus-Spiel von Neuem.“
Die bislang erzielten Ergebnisse seien vielversprechend. Ob die Systeme dauerhaft ausreichend leistungsfähig seien, müsse sich allerdings erst zeigen. Quantum Systems arbeite deshalb bereits an der nächsten Generation seiner Abfangsysteme.
Über die eigenen Produkte hinaus forderte Seibel eine grundsätzliche Neuausrichtung der deutschen Rüstungsbeschaffung. Zwar stünden Deutschland erhebliche zusätzliche Mittel für die Verteidigung zur Verfügung, diese würden seiner Ansicht nach jedoch noch zu stark in konventionelle, bemannte Systeme investiert. „Stand jetzt werden immer noch 95 Prozent in konventionelle Systeme investiert, und das sollten wir dringend ändern“, sagte er. Wenn in zehn Jahren ein Großteil der Systeme zu Land, zu Wasser und in der Luft unbemannt sein wird, müsse sich diese Entwicklung bereits heute in den Beschaffungsentscheidungen widerspiegeln.
Seibel plädierte dabei nicht für einen vollständigen Verzicht auf traditionelle Waffensysteme. „Wir brauchen auch noch Panzer und wir brauchen auch noch Kampfjets. Aber wir brauchen auch zu einem großen Teil eben unbemannte Systeme.“ Entscheidend sei der richtige Mix.
Parallel zum Ausbau des Produktportfolios setzt Quantum Systems auf weiteres internationales Wachstum. Das Unternehmen ist nach Seibels Angaben seit Jahren in der Ukraine aktiv und unterhält Niederlassungen unter anderem in den USA, Australien, Spanien, Großbritannien und den baltischen Staaten. Als nächsten Schritt nannte Seibel die Expansion nach Japan.
Auch Taiwan sowie der Nahe und Mittlere Osten seien potenzielle Märkte. In Taiwan sieht Seibel Möglichkeiten, über die US-Präsenz des Unternehmens aktiv zu werden. Am Golf suchten Staaten nach neuen Möglichkeiten, ihre Infrastruktur gegen Angriffe aus der Luft zu schützen, nachdem ihre Bestände an Patriot-Flugkörpern bereits weitgehend aufgebraucht seien. „Da sprechen wir selbstverständlich mit allen relevanten Playern am Golf, die auch ihre Infrastruktur dann eben durch Angriffe aus der Luft künftig verteidigen müssen.“
Seibel sieht insbesondere in der schnellen Entwicklung und Erprobung einen Wettbewerbsvorteil gegenüber etablierten Rüstungskonzernen. Als Leitprinzip nannte er „Fail fast, iterate fast”. Diesen Ansatz habe die Ukraine im Krieg weiterentwickelt und in Deutschland wieder stärker ins Bewusstsein gerückt.
Lars Hoffmann

















